Freitag, 7. November 2014

Der perfekte Rucksack

Ich wurde schon oft gefragt, welchen Rucksack ich empfehlen würde. In der Regel kommt dann von mir eine Rückfrage bezüglich des Einsatzzwecks, dem Volumen, Gewicht des Inhalts, Rückenlänge, Tourendauer, etc. Man kennt sowas ja auch aus diversen Foren oder aus den Verkaufs... Ähh, Beratungs-Gesprächen im Outdoorladen seines Vertrauens.

Aller Anfang ist schwer

Wenn man auf die reine Summe an Rucksäcken guckt, die ich in meinem Leben schon besessen, genutzt und verschlissen hab, oder auch nur auf die (eigentlich viel zu vielen) Rucksäcke, die sich zur Zeit in meinem Ausrüstungs-Fundus befinden, müsste man meinen, ich hätte Ahnung davon und könnte sagen, was der perfekte Rucksack währe. Oder zumindest wie der perfekte Rucksack aussehen müsste.
Andererseits zeigt die Unsumme an Rucksäcken mit ihrer Vielzahl an Features, Gimmicks und Designs die sich bei mir im Verlauf der Jahre angesammelt haben allerdings auch etwa anderes. Nämlich, dass ich scheinbar selbst noch nicht DEN perfekten Pack gefunden habe! Das klingt jetzt aber doch schon etwas merkwürdig, oder nicht?

Rucksäcke im Partnerlook

Ich muss zugeben, dass ich selber oft darüber nachdenke wie der perfekte Rucksack für mich beschaffen währe. Grundsätzlich hat ja jeder andere Erwartungen an seinen Rucksack und damit währe es schwer alle unter den selben Nenner zu bringen. Der eine möchte nunmal nicht auf einen Hüftgurt und ein integriertes Tragesystem verzichten, der andere empfindet das als überflüssig oder sogar störend. Um also festzustellen, welcher Rucksack am besten zu einem passt, währe es zunächst einmal wichtig, zu wissen was die eigenen Erwartungen sind. Das man sich da mal von gewissen Wunschvorstellungen befreit und da eher realistisch an die Sache dran geht kann da nur hilfreich sein.

Auch wenn die Industrie und deren Werbung es uns immer wieder versucht einzureden:

"ES GIBT KEINEN RUCKSACK, BEI DEM DER INHALT LEICHTER WIRD!"

Natürlich kann ein guter und bequemer Sitz dazu führen, dass sich ein Rucksack angenehmer trägt, wie ein anderes Modell. Leichter wird das Gepäck in seinem Inneren dadurch aber nicht! Bevor man sich also auf die Jagd nach einem Rucksack macht, sollte man sich um dessen Inhalt kümmern. Je weniger Teile und je leichter und kompakter diese ausfallen, umso leichter kann damit auch der Rucksack am Ende sein. Klar würden manche jetzt argumentieren, dass es doch auch bei Rucksäcken Gewichtsunterschiede gibt. Und da haben sie auch Recht. Aber, je minimalistischer der Inhalt des Rucksacks ausfällt, umso minimalistischer und umso leichter kann auch der Rucksack an sich gestaltet sein.

"brauch ich das wirklich alles?"

Wenn man sich also darüber im Klaren ist und seine Ausrüstung nun quasi nackt (d.h. ohne den verhüllenden Rucksack) vor sich liegen hat, schwingt man sich sogleich vor den PC und stürzt sich in die Recherche...

Die Ramenbedingungen sind ja meist soweit geklärt. Das Volumen und das Gewicht der Ausrüstung ist festgehalten (möglichst kleinschrittig in bunten Exel-Tabellen) und die Eckdaten der vorausliegenden Tour hat man auch parat. Was also nun? Man klickt auf den erstbesten Online-Shop und öffnet die Kategorie, die der eigenen Tour am ehesten entspricht. Alpinrucksack für eine Bergtour? Oder doch eher ein Trekkingrucksack für mehrwöchige Zelttouren?
Mhh... manchmal gar nicht so leicht. Und was, wenn ich mal in die Berge und mal im Flachland unterwegs bin? Brauch ich dann zwei Rucksäcke? Und fürs Fahrradfahren? Und in der Stadt? Langsam wird wohl klar, woher die ganzen Rucksäcke stammen, die bei mir rumfliegen...

für's Trailrunning ein Trailrunning-Rucksack

Aber braucht es das wirklich? Diese ganzen verschiedenen Spezialisten? Oder gibt es eine Art Eier legende Wollmilchsau? Das ist die Frage, die ich mir schon geraume Zeit stelle und die mich schließlich zu diesem Artikel geführt hat. Wenn ich einen Rucksack selber entwerfen würde, würde ich die Details übernehmen, die ich schon bei anderen Rucksäcken zu schätzen gelernt hab.  Am Ende stünde mein Idealbild eines Rucksacks.

der Großvater der Ultraleichtrucksäcke

Erstaunlicherweise habe ich bereits ähnliche Rucksäcke. Und es sind oft nur wenige Details die sie von diesem Idealbild trennen. Rückblickend entsprachen diese Rucksäcke als ich sie bekommen habe meinem Idealbild bzw. waren "genau das, was ich mir gewünscht habe". Warum entsprechen sie dieser Vorstellung eines idealen Rucksacks jetzt nicht mehr und warum suche ich weiterhin nach dem perfekten Pack?

Die Rucksäcke haben sich nicht verändert. Ich habe es! Ok. Ich bin immer noch ungefähr gleich groß, hab immer noch zwei Arme und auch mein Rücken ist noch da wo er hingehört. Die Veränderung hat im Kopf stattgefunden. Was sich geändert hat waren die Erwartungen die ich an einen Rucksack stelle. Das war zunächst einmal das größere Volumen als die Touren länger wurden. Dann haben Tests und Berichte in verschiedenen Magazinen mich vom Vorteil neuer Features "überzeugt". Als ich mit Ultraleicht angefangen habe, war es die Versprechung von geringerem Gewicht. Aber immer waren es Einflüsse von Außen, die meine Erwartungen und meine Ansprüche an einen Rucksack verändert haben. Wenn ich zurückdenke, war das nicht immer so. Zugegeben, in meiner Jugend war man froh, wenn man einen gut sitzenden Rucksack hatte, der nicht alle Nase lang in den Schultern einschnitt. Aber unterm Strich waren die Details des Rucksacks nachrangig. Outdoorstores gab es noch nicht an jeder Ecke, der Briefkasten wurde nicht mit Werbung diverser Ausrüster überflutet und vom Internet hatte damals auch noch keiner gehört.

den Kuchen lass ich lieber gleich draußen...

Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr werde ich mir klar darüber, dass es den perfekten Rucksack bereits gibt. Und, dass ich ihn bereits besitze! Er befindet sich in meinem Kopf. Nicht als Idee, als Schnittmuster oder als Liste von Features und must-haves. Nein. Vielmehr sind es die Erwartungen an einen Rucksack die diesen formen. Und wenn ich diese Erwartungen ändere, sie umgestalte und überdenke, dann passen sie auf den Rucksack, der da bereits seit Jahr und Tag in meinem Schrank hängt. Das klingt jetzt mit Sicherheit wie die wirren Reden eines Einsiedlers auf irgend einem nicht näher genannten Sumpfplaneten...

Hüftgurt? Nein, danke!

Aber wenn man sich darüber klar wird, wie sehr unser Denken und damit auch unser Handeln von Werbung, Berichten und Kommentaren im Netz und unserem gesamten Umfeld beeinflusst wird, dann erscheint das vielleicht weniger abstruß. Brauche ich wirklich einen neuen Rucksack, weil er 20 Gramm weniger wiegt wie mein alter Rucksack? Machen die neuen Schultergurte wirklich so einen Unterschied im Tragekomfort, dass ich bereit dafür bin, einiges an Geld auszugeben, obwohl ich in den letzten Jahren auch mit den alten Schultergurten immer gut zurecht gekommen bin? Es liegt schlußendlich an uns und unserem Kopf, was wir wollen und was wir wirklich brauchen. Und was soll ein Rucksack unterm Strich können? Er soll groß genug sein um unseren Krempel zu fassen und sich dabei ausreichend bequem tragen lassen.
Wenn ich diese Idee weiter spinne, dann währe der perfekte Rucksack kaum mehr wie die simple Tasche eines traditionellen Pilgers oder Wander-Mönches. Ein einfacher, schlichter Beutel, der die notwendigen Dinge aufnehmen kann, auf die man unterwegs angewiesen ist.
Und da man diese grundlegende Idee der Einfachheit auch auf den Rest seiner  Ausrüstung anwenden könnte, müsste dieser Beutel gar nicht mal so groß sein...

kein Vergleich zu früher ;-)

Heißt das nun, dass man mich demnächst mit einem Jutebeutel über der Schulter durch den Wald huschen sieht? Wohl dann doch eher nicht. Ich gebe zu, dass es mir selber nicht immer leicht fällt, mich den diversen Verlockungen die ein neues Produkt liefert zu entziehen. Und doch ist es für mich ein besonderer Reiz und eine Herausforderung das zu nutzen was man bereits hat und dabei zugleich damit zufrieden zu sein.

Die Kunst besteht nicht darin, den Ausrüstungsgegenstand mit den passenden Features auszuwählen, sondern das was man zur Verfügung hat auch in unerwarteten Situationen überlegt einzusetzen.



Donnerstag, 30. Oktober 2014

Geteert und Gefedert - in der ethisch-ökologischen Zwickmühle

Was war es damals alles einfach. Begriffe wie Klimawandel und ökologischer Fußabdruck waren im allgemeinen Sprachgebrauch noch unbekannt. Vegetarismus hielten manche eher für eine Sekte und bestimmt nicht für eine gesunde Ernährungsform. Und um nicht zu frieren ging man einfach ins Geschäft an der Ecke und kaufte sich eine x-beliebige Jacke. Hautsache die Größe und die Farbe stimmte.

Daune oder Kunstfaser?

Heutzutage haben sich die Zeiten geändert. Man hat jetzt eigentlich nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder man ignoriert vehement jegliche Studie die vor dem ökologischen Kollaps warnt oder man setzt sich mit seinem Konsumverhalten reflektiert auseinander.
Zugegeben, ich hab in meinem Leben schon mehr als eine Jacke, Rucksack, Schlafsack oder Zelt verschlissen und gekauft. Und gerade wenn es um warme Klamotten geht, kann man beim Stadtbummel schwach werden, wenn man erst kurz vorher auf Tour mehr als nur kalte Füße hatte. Und wenn es um Isolierung geht kommt immer noch kein Material an den unangefochtenen Spitzenreiter Daune heran. Zumindest verfügt kein anderes Material über so ein gutes Wärme-Gewichtsverhältnis wie Daune. Auch der Tragekomfort ist unübertroffen. Und spätestens seit der Einführung wasserabweisend behandelter Daune haben Skeptiker die bei dem Gedanken von nasser Isolierung zusammenzucken kein Argument mehr in der Hand. Naja, fast...
Wir sind schon länger Vegetarier und seit einer ganzen Weile ernähren wir uns mittlerweile überwiegend vegan. Das hatte neben gesundheitlichen und ökologischen auch nicht zu letzt ethische Gründe. Aber wie hält man es neben der Ernährung mit seinem sonstigen Konsum? Das war und ist eine Frage, die wir uns zunehmend stellen. Wenn man mit den Methoden der Lebensmittelindustrie und insbesondere der Massentierhaltung bzw. Intensivtierhaltung nicht einverstanden ist, bleibt einem wohl nichts anderes übrig als auch bei seiner Bekleidung auf tierische Produkte zu verzichten.
Das scheint erstmal einfacher als es dann tatsächlich ist. Wenn man neben dem Tierleid aber auch ökologische Faktoren mit in die Rechnung mit einbezieht, fängt das Grübeln an...

In der Outdoorindustrie übertrumpft man sich aktuell gegenseitig mit Blue-Label Zertifikaten und Highttech Materialien aus recycleten Rohstoffen. So weit so gut. Setzt man sich jedoch etwas mehr mit der Materie auseinander ist leider nicht alles so grün wie es scheint. Beim Stöbern in diversen Katalogen, Onlineshops und den Seiten namhafter Hersteller sind mir einige Punkte aufgefallen, die mich nachdenken ließen. Lassen wir mal von begründeter Kritik an wasserdichten Membranen und Imprägniermitteln ab, die ja auch bei Daunenprodukten Verwendung finden. (Greenpeace hat wiederholt mit seiner Detox-Kampagne auf grobe Missstände bei den verwendeten Chemikalien hingewiesen) Oder dem Umstand, dass Hersteller die sich selbst als ökologisch vermarkten oft nur einen verschwindend geringen Teil ihrer Kollektion ohne entsprechend fragwürdige Stoffe produzieren bzw. zertifizieren. Gucken wir einfach mal zu den gängigen Alternativen zu Daune. Kunstfaserfließe wie etwa Primaloft, Climashield Apex und co. haben hier ganz klar die Nase vorn. Und wie schön, gibt es viele dieser Produkte auch noch aus recycleten Rohstoffen! Ist doch prima! Oder nicht?
Also mal rasch einen Blick auf die Produktanhänger an den Klamotten geworden...

New Material Only

Ganz selten findet man allerdings mal Informationen zum recycleten Anteil im Produkt und dieser ist dann oft verschwindend gering. Ok. Das ist natürlich immer noch besser wie gar nix. Jeder fängt ja mal klein an. Aber die Werbung der Hersteller vermitteln dem Verbraucher häufig den Eindruck, das Produkt währe fast vollständig aus wiederverwerteten Ressourcen hergestellt. Unterm Strich heißt das bei den gängigen Kunstfaserisolierungen, dass man weiterhin auf petrochemische Produkte aus extra dafür gewonnenem Erdöl setzt. Ob das mit dem Bild zusammen passt, das der naturverbundene Kunde von diesen Produkten hat? Und berücksichtigt man die oft relativ kurze Lebensdauer einer Kunstfaserisolierung bevor diese einen Großteil ihres Loft und damit ihrer Wärmeleistung einbüßt, ist diese Frage umso begründeter. Recyclet wird das Material am Ende seiner Lebensdauer in der Regel auch nur in Ausnahmen. Sei es, weil der Verbraucher mit der richtigen Entsorgung überfordert ist, oder weil der Hersteller die dafür nötigen Informationen nur unzureichen publiziert. Also doch wieder Daune?

Enthält Nicht-Textile Teile Tierischer Herkunft

Es gibt ja immer mehr Hersteller die sich zertifizieren lassen, dass ihre Daune nicht von Lebendrupf stammt und lediglich "Abfallprodukte" der Lebensmittelindustrie sind.
Aber mal abgesehen von den mehr als unwürdigen Lebensbedingungen der Tiere in der Massenaufzucht (wer glaubt, die Daunen seiner Jacke stammten von 3-4 glücklich und frei auf einer grünen Wiese umherlaufenden Gänsen denen man die Federn abstreichelt, sollte mal öfters einen Blick in die Zeitung riskieren) ist auch die Massentierhaltung für ihre rohstoffintensive und wenig nachhaltige Produktion verschrien. Immerhin geht weltweit der überwiegende Anteil der Ernteerträge in die Tierzucht und die Tierindustrie ist für rund 51% aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Zudem bedrohen die dort anfallenden Abfallstoffe Grundwasservorräte und Boden gleichermaßen. Mit dem Kauf von Daunenprodukten werden diese Umstände indirekt unterstützt.
Unter diesen Gesichtspunkten ist mit Sicherheit auch der Artikel "Wolle hat schlechtere Umweltbilanz als viele Kunstfaserprodukte" lesenswert, auch wenn hier nicht Daunenprodukte zum Vergleich herangezogen werden.

Wenn man also weder auf Daune, noch auf Kunstfaser zurückgreifen kann oder sollte, was dann? Nackt auf die nächste Wintertour? Wohl eher nicht.
Eine Lösung um das Problem zu minimieren ist eigentlich ganz simpel. Weniger kaufen!

Auch wenn uns diverse Magazine und Kataloge was anderes erzählen, braucht man nicht für jede Gelegenheit eine andere, hochspezialisierte Jacke. Als Blogger der auch von Zeit zu Zeit Produkte testet und darüber berichtet, muss ich mir hier selber auch den Schwarzen Peter zuschieben. Allerdings bin ich auch immer bemüht offen und ehrlich über meine Erfahrungen zu schreiben, damit andere davon profitieren können. So hoffe ich, dass ihr zumindest den ein oder anderen Fehlkauf vermeiden könnt. Was hab ich also in über 25 Jahren gelernt, die ich mich schon draußen rumtreibe? In der Regel reicht das selbe alte Teil, was man schon seit Jahren nutzt. (Das ist eine Erkenntnis, die auch bei mir lange gebraucht hat) Nur wegen eines kleinen zusätzlichen Features oder um mit der Farbe der Saison zu gehen ist eine Neuanschaffung einfach unverhältnismäßig. Auch wenn es vielleicht gut gemeint ist, bringt es auch nix seine alte Ausrüstung auszusondern um sich mit neuer, "grünerer" Kleidung einzudecken. Wie hat man früher immer so schön gesagt? "Erst das alte im Kühlschrank aufbrauchen, eh Du 'ne neue Packung anbrichst!"
Aber was, wenn die Jacke mal wirklich durch ist? Die richtige Pflege zögert ein vorzeitiges Ende zumindest schonmal hinaus. Auch ein Flicken muss nicht schäbig wirken, sondern verleiht wie ich finde einer Outdoorjacke irgendwie Persönlichkeit. Und wenn dann doch mal das Ende alles Irdischen ansteht? Dann erstmal darum kümmern, dass die alte Jacke einem fachgerechten Recycling zugeführt wird (zumindest die meisten Hersteller, die etwas auf sich halten, bieten mittlerweile ein entsprechendes Rücknahme-Programm an). Bevor man dann in den nächstbesten Laden läuft lohnt sich immer ein Blick auf den Gebrauchtmarkt. Das ist nicht nur Resourcen schonend, sondern schont praktischerweise auch noch das Portemonai. Und manchmal findet sich da noch der ein oder andere unverhoffte Schatz! Wie oft haben Hersteller schon ein eigentlich tolles Teil in einer Neuauflage verschlimmbessert und man wünscht sich, man hätte lieber das ursprüngliche Design? Lösung: Gebrauchtmarkt!

Wie sieht das bei mir selber aus? Ich habe bei unseren Touren seit Jahren auf eine Haglöfs Oz gesetzt die ich mal als Schnäppchen gebraucht erstanden habe. Auch wenn sie schon etwas in die Jahre gekommen ist hat sie anstandslos auf zahlreichen Touren ihren Dienst bei mir geleistet. Bei meiner Lieblingstourenhose musste ich schon x-mal die Nähte ausbessern. Und ich erwische mich immer öfter dabei, dass ich für Touren meinen uralten GoLite Breeze packe.

GoLite Breeze, auch heute noch ein Star!

Natürlich standen auch immer wieder mal Neuanschaffungen an. In der Regel haben aber dafür andere Dinge ihren Weg aus meinem Schrank auf den Gebrauchtmarkt gefunden. (Auch wenn es manchmal wirklich nicht leicht fiel, weil man ja denkt, man könnte es doch irgendwann nochmal gebrauchen) Aber ich freue mich immer wieder, wenn ich höre, dass die Sachen bei ihrem neuen Besitzer fleißig genutzt werden.


Und die Frage ob Öl oder Daune?
Geteert oder Gefedert?

Sie lässt sich wohl nur als Aufruf verstehen, das eigene Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen.






Donnerstag, 5. Juni 2014

Unten ohne macht mich glücklich - Auf den Traildays in Garmisch


Von Draußen klatscht der Regen gegen die Scheibe. Hier drinnen ist es trocken und das Vibrieren des Motors sorgt trotz der bequemen Sitze für eine gewisse Unruhe. Es ist Freitag morgen und ich befinde mich im Fernbus auf dem Weg nach Garmisch-Partenkirchen zu den Traildays. Die Traildays... das ist ein Projekt das von Robert Pollhammer, einem erfahrenen Trail-  und Ultramarathonläufer ins Leben gerufen wurde. Jedes Jahr treffen sich ein paar Verrückte zu einem Wochenende am Fuß der Zugspitze um sich auszutauschen, neueste Ausrüstung zu begutachten, sich in Workshops den ein oder anderen Kniff abzugucken und nicht zu letzt: um zu laufen! Und dieses Jahr bin ich mit dabei um durch die Berge zu wetzen! Zwar bin ich diesmal leider ohne Rike unterwegs und zeitlich passt es bei mir auch nur für einen einzigen Tag, aber den wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Aber was treibt mich dazu zwei ganze Tage quer durch Deutschland zu fahren nur um an einem Tag mit ein paar Leuten laufen zu gehen?

treue Begleiter seit vielen hundert Kilometern

Es begann alles vor ein paar Jahren...
Ich war schon immer recht aktiv und auch körperlich ziemlich fit, habe aber eigentlich nie gezielt einen Ausdauersport verfolgt.
Ich war grade Mitte zwanzig als ich mir eine Rückenverletzung zuzog. Ein Blick mit dem MRT und die Ärzte waren recht zuversichtlich, dass ich nie wieder irgendeinen Sport machen könnte. Aber man muss ja nicht alles glauben was einem jemand sagt...
Etwa zur selben Zeit hatte ich ein kleines Buch in die Finger bekommen das sich Trekking Ultraleicht nannte. War es für mich Anfangs nur eine weitere interessante Outdoor-Lektüre, erkannte ich, dass die Reduktion meines Ausrüstungsgewichtes der einzige Weg währe, wie ich weiterhin meinem Hobby nachgehen könnte. Große Lasten schleppen war mit meinem Rücken einfach nicht mehr möglich. Ich stöberte im Netz, verschlang ein Buch nach dem anderen zu diesem Thema, fing an hier etwas wegzulassen und da etwas zu reduzieren. Das Resultat davon zeigt sich in den Tourenberichten hier in diesem Blog. Aber bei dieser ganzen Grammzählerei geschah noch etwas anderes. Ich fing an Dinge zu hinterfragen! Braucht es wirklich einen Hüftgurt und ein schweres Innengestell in einem Rucksack? Wieso wird mir das ganze schwere und teure Zeug empfohlen, wenn man viele Dinge aus Alltagsmaterialien deutlich leichter und preisgünstiger improvisieren kann? Wozu schwere, und steife Stiefel, wenn man mit leichten Trailschuhen deutlich trittsicherer und schneller unterwegs ist?
Und irgendwann beäugte ich nicht nur die Empfehlungen der Outdoorindustrie kritisch, sondern fing an auch in anderen Bereichen nachzuhaken. Was, wenn die Ärzte falsch lagen? Die Behandlungen die mir verschrieben worden waren, die Schuhe, Einlagen und Medikamente hatten meinen Zustand nicht wesentlich verbessert. Was, wenn nicht mehr künstliche Unterstützung, sondern weniger davon die Antwort währe? So wie es schon bei meiner Trekkingausrüstung der Fall gewesen ist?
Ich began nachzuforschen. Und ich war scheinbar nicht der erste, dem es ähnlich erging wie mir...

Ich könnte jetzt hier ins Detail gehen und meine Geschichte würde sich wohl ähnlich lesen wie die von Christopher McDougal, wenn auch mit Sicherheit nicht so abenteuerlich und unterhaltsam. Nach einer längeren Odyssee war es am Ende genau der Sport der mir nicht mehr möglich sein sollte, der mich heute antreibt! Meine Denkweise als Ultraleichtwanderer bestehendes Wissen zu hinterfragen, scheinbar gegensätzliche Ansätze zu verfolgen und die Erkenntnis, dass weniger oft mehr ist, hat mich in die richtige Richtung gelenkt.
Wie auch beim Ultraleichtwandern war es nicht einfach mit einem Gang ins nächste Geschäft getan. Zuerst musste die "Schere im Kopf" angesetzt werden. Ich musste alte Gewohnheiten ablegen, komplett neue Bewegungsabläufe erlernen und ständig an meiner Technik arbeiten. Keine Veränderung die über Nacht eintrat, sondern etwas an dem ich lange gearbeitet habe.

als laufende Banane bei einem 10k

Mittlerweile bin ich überzeugter Minimalschuhträger und Barefootrunner. Ich kann mir schlichtweg nichts anderes mehr vorstellen! Das Feedback was mir meine Füße beim Laufen vermitteln ist ein Erlebnis für sich. Selbst im Winter scheu ich mich davor allzu steife, dicke und schwere Schuhe anzuziehen, da ich mir so eine ganze Sinneswelt vorenthalten würde.
 An den Füßen hab ich auch im Gelände meist nichts anderes mehr wie meine Luna Sandalen. Irgendwie spiegeln sie für mich das wieder, was ich in den letzten Jahren erfahren habe. Es ist ein absolut minimalistisches und doch seit Jahrtausenden bewährtes Design. Sie haben keine agressiven Stollen, keine Dämpfung, keinen Zehenschutz. Sie kommen ohne diesen ganzen Firlefanz aus. Wenn ich mit ihnen laufe ist das Einzige was mich vor Verletzungen bewahrt ein achtsames Zusammenspiel von mir mit meiner Umgebung. Jeder Tritt erfordert Präzision. Keine überflüssige Bewegung. Jeder Schritt ist auf Effizienz und maximale Kontrolle ausgerichtet. Nichts geschieht unbedacht. Und doch ist es gerade diese volle Konzentration auf jede Kleinigkeit, jedes Detail, das mich in den Moment eintauchen lässt. Beim Laufen habe ich mehr und mehr das Gefühl mit dem Gelände zu verschmelzen.


 "Wenn Du auf der Erde läufst und mit der Erde läufst, dann kannst Du ewig laufen!"
 Spruch der Tarahumara-Indianer


Und so flitze ich für gewöhnlich lieber abseits von Asphalt und anderen Läufern durch die heimischen Wälder. Bisher war es mir nie wichtig "meine Zeit" zu kennen oder sogar gezielt daran zu arbeiten. Allerdings bin ich mittlerweile vom Kopf her soweit, dass ich in Zukunft vielleicht doch mal irgend so ein "richtiges" Rennen mitmachen würde. (Der Copper Canyon ist leider ein paar Flugstunden zu weit weg)
Und da tauchten die Traildays auf meinem Schirm auf. Kein Rennen im eigentlichen Sinne, sondern gemeinsame Läufe in anspruchsvollem Gelände mit ein paar Gleichgesinnten. Sozusagen ein Woodstock für Läufer. (Sind Trailrunner nicht eh die Punks und Hippys der Läuferszene?)
Und so sitze ich nun im Bus und bin doch ein wenig unruhig was mich da erwarten wird.

Luna-Monkeys united

Es ist Samstag morgen. Meine Unterkunft liegt knapp 5 Kilometer außerhalb und so starte ich den Weg zum Veranstaltungsgelände gleich mit einem gemütlichen Lauf. Ich bin einer der ersten an diesem Tag, doch nach und nach tauchen mehr und mehr Läufer auf. Auch ein paar alte Freunde, die ich schon länger nicht mehr gesehen habe, treffe ich hier wieder. Den Vormittag verbringe ich damit, mir die Stände der verschiedenen Hersteller anzugucken und das ein oder andere Teil mal bei einem flotten Lauf im Gelände zu testen. Mit meinen Sandalen falle ich hier zwischen den ganzen Trailschuhen schon ein wenig auf, auch wenn noch ein paar andere Minimalschuhträger außer mir hier rumlaufen. (es findet sogar ein Barfußlauf-Training bei einem der Workshops statt!)
Insgesamt scheinen die Teilnehmer eine lustige, leicht durchgeknallte Truppe von Individualisten zu sein die sich nichts Schöneres vorstellen können als auf allen nur möglichen und unmöglichen Pfaden durchs Gelände zu rennen.

kurz verschnaufen, dann geht's weiter...

Kurz vor Mittag ziehen dann plötzlich dichte Wolken auf und der vormals sonnige Tag weicht einem nieseligen, ungemütlichem Wetter. Wir kontrollieren nochmal unsere Ausrüstung, schnallen uns unsere Rucksäcke, Westen und Trinksysteme auf den Rücken und starten zu dem ausgedehntesten Lauf an diesem Wochenende.  Und so führt uns unser erster knackiger Anstieg auch gleich steil nach oben auf einem schmalen Waldpfad. Bei einem ersten Zwischenstop teilt sich die Meute in drei Neigungsgruppen. Während die ambitionierteren Läufer, geführt von  Phillipp Reiter vom Team Salomon, bereits um die nächste Ecke verschwinden schließe ich mich der Gruppe um Antje Schuhaj, der deutschen Meisterin im 100km Lauf, an und freue mich darüber, gemeinsam mit zwei anderen Luna-Monkeys durch die Wälder zu laufen. Die meisten anderen Läufer in der Gruppe sind doch recht neugierig und erstaunt, dass man selbst bei dem recht steilen und felsigen Gelände mit solchen "Schlappen" zügig unterwegs sein kann. Und auch wenn der ein oder andere Anstieg merklich die Pumpe schneller arbeiten lässt, finden wir doch immer ausreichend Gelegenheit zum Rumblödeln, Unterhalten oder um auch mal einen Schneemann aus den letzten verbliebenen Resten der ehemals weißen Pracht zu bauen. Nach etwas mehr wie 1000 hm Aufstieg ist es dann endlich so weit. Wir schlagen einen Haken und stürzen uns in den Downhill. Wie ein Rudel auf der Jagd fliegen wir den schmalen Geröllpfad runter in die Tiefe. Sporadisch legen wir kurze Stops ein um die Gruppe zu sammeln und uns dann erneut den Trail runterzustürzen. Als Flachlandtiroler bin ich selber erstaunt, wie gut ich mit dem Gelände klar komme und wie spielerisch ich mich mit meinen Sandalen hier langfege. Haben die paar Runden über Wurzeln und Steine im heimischen Wald doch zu was getaugt... Ein paar Wanderer, mit für mein Empfinden riesigen und viel zu schweren Rucksäcken, kommt uns den Berg hoch entgegen. Ihre Kommentare über "falsche Schuhe" höre ich schon gar nicht mehr, wetze ich doch schon längst einige Serpentinen weiter den Pfad leichtfüßig hinab. Immer mit vorne an der Spitze der Gruppe und ohne einen einzigen Fehltritt komme ich schließlich wieder im Tal an.
Mein Gott, war das genial! Achterbahn fahren ist nix dagegen! Nochmal!? Ähhh...vielleicht morgen...

Sandalen im Schnee? Ja, ne, ist klar!

Nach einer doch recht notwendigen Dusche spaziere ich anschließend die 5 km zurück zum Veranstaltungsgelände. Und um den Tag perfekt zu machen begrüßt mich da der sichtlich erstaunte Andi, der Luna-Monkey, den Rike und ich bereits beim 1. Kölner Barfußlauf kennen gelernt haben. Und wen hat er da im "Gepäck"? Barefoot Ted!!!
Der Barefoot Ted aus dem Bestseller-Buch "Born to Run" von Christopher McDougal.
Der Barfoot Ted, der sich von Manuel Luna hat zeigen lassen, wie man Huarache-Sandalen herstellt.
Der Barfoot Ted, der daraufhin die kleine Firma Luna-Sandals gegründet hat, deren Sandalen mich mittlerweile auf allen möglichen Trails und im Alltag begleiten!
Und hier schließt sich der Kreis.

Gemeinsam mit Andi, Ted und ein paar anderen sitzen wir draußen auf der Terasse, unterhalten uns über dies und das.  Ich stelle Ted die eine Frage, die ihm bisher noch nie gestellt worden ist! (You've probaply answered all those questions a million times. So we have to come up with a new question! Don't monkeys like to throw with...) ;-)
Wir blödeln rum, füllen die leeren Energiespeicher mit Hilfe der Küche des Gasthofs wieder auf. Und irgendwann verkrümelten wir uns nach drinnen um uns noch ein paar Vorträge anzuhören und im Anschluss eine Preview zu dem Film "Run Free - the true story of Caballo Blanco"  anzugucken. Ted erzählte dann noch ein paar Hintergründe zu dem Film der über die Crowdfunding Plattform Kickstarter finanziert wird.
Langsam ging dann dieser Tag zu Ende. Am nächsten Morgen stand noch ein gemeinsamer Abschiedslauf und ein Frühstück auf dem Veranstaltungsplan, an dem ich leider nicht mehr teilnehmen konnte, da mein Bus bereits früh morgens wieder Richtung Heimat abfuhr. Also verabschiedete ich mich von alten und neuen Freunden und spazierte zurück zu meiner Unterkunft.

So kurz das Wochenende auch für mich gewesen war, so intensiv waren doch die Eindrücke die ich mitgenommen habe. Ich habe gemerkt, dass ich mittlerweile wirklich auf den Trails zu hause bin! Das Laufen im Gelände mit meinen Luna-Sandalen ist mir zu einer zweiten Natur geworden. Ich hab mich sehr gefreut alte Freunde und Bekannte wieder zu treffen und neue kennen zu lernen. Natürlich war ich auch neugierig wie die diversen Spitzeläufer und nicht zu letzt auch Barfoot Ted in natura sein würden. Ich muss gestehen, dass Ted zwar einerseits so war wie ich ihn mir vorgestellt hatte, mich im nachhinein aber durch seine nachdenkliche und bedachte Seite mehr beeindruckt hat wie ich gedacht hätte. Auf seine Art und Weise ist er wirklich ein bemerkenswerter Mensch, der weit mehr ist wie nur der Baarfuß-Monkey aus Born to Run.

Vielen Dank an Robert und das Team von Racelight für die Orga dieses Events! Vielen Dank an alle Teilnehmer für die großartige Atmosphäre! Vielen Dank an die Herbergseltern der Jugenherberge in Burgrain für den überaus freundlichen Service! Und vielen Dank an alle Monkeys fürs Weitertragen der Message!

Kuira Ba!






Anmerkung:
Meine Luna Monos habe ich komplett selbst bezahlt. Ich werde weder von LunaSandals gesponsert, noch habe ich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags irgendwelche geschäftlichen Beziehungen mit ihnen. Das ich so ausnahmslos positiv über meine Erfahrungen mit diesen Sandalen schreibe, liegt einzig und allein daran, dass ich mittlerweile seit rund 900 km absolut zufrieden mit den Teilen bin!

Der Umstieg von modernen Laufschuhen zu Minimalschuhen oder zum Barfußlaufen benötigt Zeit und Geduld! Ohne entsprechendes Training kann es zu Fehlbelastungen oder Verletzungen durch Überlastung kommen. Wer mal reinschnuppern oder komplett umsteigen möchte sollte sich vorher ausgiebig informieren und evtl. einen Kurs besuchen.
Wer Lust hat mit mir mal eine Runde zu drehen, darf sich natürlich gerne melden.