Montag, 21. Oktober 2013

"ultraleicht" - ein Gedanke


Anmerkung:
Den folgenden Artikel hatte ich angeregt durch eine damals auf vielen Blogs und Internetforen geführte Diskussion bereits vor geraumer Zeit verfasst. Zum damaligen Zeitpunkt entschloss ich mich dann aber dagegen diesen Artikel zu veröffentlichen. Ich wollte nicht, dass sein Inhalt und seine Aussage im Rahmen dieser teils hitzig geführten Diskussion untergeht.
Da ich jedoch davon überzeugt bin, dass die Thematik, die dieser Artikel behandelt, zeitlos ist und auch gänzlich losgelöst von der damaligen Diskussion betrachtet werden kann (und sollte!) habe ich mich nun dazu entschlossen ihn jetzt doch zu veröffentlichen. Er soll dabei nicht als Versuch verstanden werden die damalige Diskussion wieder aufleben zu lassen. Vielmehr sollte er als eigenständiger Artikel verstanden werden. Ich habe mich dennoch dagegen entschieden, ihn zu überarbeiten und Verweise auf die damalige Diskussion heraus zu löschen. In diesem Sinne kann er auch als Zeitdokument verstanden werden, das zu einem kritischeren und gemäßigteren Umgang inspirieren sollte.  

Es ist was los im Lande "Ultraleicht". Seit einiger Zeit vermehren sich die Diskussionen über den Sinn oder Unsinn ultraleicht unterwegs zu sein oder Leute stören sich schlichtweg an der Bezeichnung. Es wird davon gesprochen ultraleicht sei tot oder zumindest im Sterben begriffen. Selbst die Cottage Industry, d.h. die kleinen UL-Hersteller seien in ihrer Entwicklung am stagnieren. Und als Tüpfelchen auf dem "i" äußerte sich jüngst sogar Andrew Skurka, der ja durch seine Touren als moderne Ikone und Vorführpromi des Ultraleicht gehandelt wird, "ist das Backpackinglabel Ultraleicht am Ende" und müsse ersetzt werden.

Hier nur mal einige der "Schlagzeilen":
backpackinglight.com "Cottage Stagnation"
Six Moon Design "Death of a revolution"
Martin Rye "we are all backpackers in end"
Dave Chenauld "ul is dead"
Jaakko Heikka "the death of ul and feeble assumptions"
Andrew Skurka "is lightweight backpacking label dead"
Marius Heiland "ultralight is dead long live ultralight"
ultraleicht-trekking.com "Stupid Light - komme ich zu spät?"

Was ist da nur los?

Dazu müssen wir uns erst einmal anschauen, was hinter der Bezeichnung "ultraleicht" überhaupt steckt.
Oft wird für UL als Definition ein bestimmtes Maximalgewicht fürs Baseweight (d.h. Gewicht des gesamten Rucksacks ohne Verbrauchsgüter wie Verpflegung und Wasser) angegeben. In den Staaten spricht man hier von 10lbs während die metrisch denkenden Europäer sich die Umrechnung mit 5kg bzw. 4,5kg einfach machen.

Ist natürlich eine nette Idee, schafft dies doch eine gewisse Vergleichbarkeit und man kann schnell überprüfen ob man nun "ultraleicht" oder nicht ist. Meiner Meinung nach macht man es sich damit aber zu einfach und verdrängt eine wichtige Tatsache! Diese "Grenzen" wurden erst viel später eingeführt um eben Leuten, die nicht auf Anhieb was mit dem Begriff UL anfangen konnten zumindest eine grobe!!! Vorstellung davon zu geben. Das hat sich dann leider verselbstständigt...
Was heißt jetzt aber "viel später"?

Wenn man mal an die Anfänge zurückblickt landet man irgendwann unweigerlich bei Ray Jardine. Selbstverständlich gab es auch vorher Wanderer wie z.B. Emma "Grandma" Gatewood die aus heutiger Sicht ultraleicht unterwegs waren. Aber Ray Jardine hatte diese Thematik durch seine Bücher erst populär und einer breiten Masse verfügbar gemacht.
Jedoch, Ray hatte nie von "ultraleicht" gesprochen! Auch sagt er selber von sich, das er kein Minimalist sei.
Bei ihm stand auch nie das reduzierte Gewicht im absoluten Fokus. Zwar war das Gewicht auch ein wesentlicher Faktor aber eben nur einer von vielen.
Ähnlich wie Andrew Skurka das mit seinem Begriff des "Ultimate Hiker" ausdrückt, war Rays Ansatz zunächst einmal Ziel orientiert. Und sein Ziel bestand darin seine Ausrüstung auf die vor ihm liegende Herausforderung, die Begehung des Pacific Crest Trails, so gut wie irgend möglich anzupassen.
Dazu musste die Ausrüstung ausreichend robust und zuverlässig sein, leicht zu reparieren, leicht zu handhaben und natürlich auch insgesamt leichter konstruiert sein. Jeder engagierte Läufer weiss, dass geringes Gewicht beim Bestreiten von Distanzen ein wesentlicher Aspekt ist.
Er blickte aber über den reinen Ausrüstungshorizont hinaus und überlegte auch warum er überhaupt diese Tour unternahm. Ein neuer Rekord bzw. eine schnellere Begehung des PCT stand ihm wohl ursprünglich nicht im Sinn. Es war keine sportliche Herausforderung die ihn trieb. Vielmehr suchte er den intensiven Kontakt zur Natur.

Das führte bei ihm z.B. zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Marketing der großen Hersteller, die ihren Kunden alle möglichen Produkte verkaufen wollten. Abgesehen davon, dass deren Ausrüstung nicht seinen Vorstellungen entsprach prangerte er vor allem die Art und Weise an wie sie beworben wurden.
Die Hersteller verstärkten unnötig ihre Produkte um sie nahezu unzerstörbar zu machen und sich so vor Gewährleitungsansprüchen zu schützen. Sie versuchten Ausrüstung mit, in seinen Augen unnötigen Extras zu versehen, die sie auch für unerwartete Szenarien tauglich machte und den Nutzer vor dem Unvorhersehbaren schützte. Das Marketing spielte mit den Ängsten der Käufer und versprach mit ihren Produkten die Lösung.
Ray aber wollte keine geistigen Grenzen um sich aufbauen und sich dem Kampf mit der Natur stellen, wie es schon die ersten Siedler auf Amerikanischem Boden getan hatten. Er suchte die Nähe der Natur, wollte vielmehr Teil von ihr sein.

Was aber hat das jetzt mit Ultraleicht und der momentanen Diskussion zu tun?
Es ist viel einfacher sich an messbaren Fakten und nicht an schwierig zu fassenden Überlegungen zu orientieren. Leute die ihm und seiner Idee nachgeeifert haben, orientierten sich daher natürlich im Schwerpunkt an seiner Ausrüstung und Packliste. Immerhin war es ja das was ihn auf den ersten Blick von anderen Wanderern unterschied.
Es ist wie gesagt viel einfacher etwas objektives zu erfassen, wie die subjektiven Beweggründe die dahinter stecken. Und verglichen mit der sonst üblichen Ausrüstung wirkte seine nicht etwa nur "leicht", sondern sogar "ultraleicht". Man orientierte sich an seiner Ausrüstung und wollte nunmehr wie er auch nur mit 10lbs (4,5 kg) unterwegs sein. Immerhin hatte Ray ja gezeigt, dass es nicht nur möglich ist sondern das mehr gar nicht nötig ist.

Was aber nicht beachtet wurde, war schlichtweg, dass er diese Ausrüstung für SICH und  ursprünglich NUR FÜR DEN PCT (und in modifizierter Weise für den AT) konzipiert hatte. D.h. bei einer 3-Jahreszeitentour unter klimatischen Bedingungen wie auf dem PCT reichte für ihn ein maximales Baseweight von 10lbs. Da die Ausrüstung sich auch an seinen Skills bzw. Fertigkeiten und seinem Wissen orientierte, aber auch an seiner Grundseinstellung, war dies für ihn der "RayWay". Also sein Weg. Nicht etwa BastisWay oder RikesWay oder AndrewsWay.

Dennoch übernahmen mehr und mehr Wanderer diese Idee, oder zumindest bedienten sie sich daraus und entnahmen alles für sie nützlich erscheinende.
Da bei vielen Leuten immer noch der Gedanke im Kopf festsaß, dass auf allen Touren die selbe Ausrüstung genutzt wird (egal ob man jetzt in der Wüste oder Gebirge oder im Wald) unterwegs ist, hat man in der Folge daher auch einfach diese 10lbs/ 4,5kg Grenze verallgemeinert.
Man ordnete das in weitere Kategorien ein, denn für viele war die Reduzierung ihres Ausrüstungsgewichtes schon lange keine logische Konsequenz mehr, sonder vielmehr zur sportlichen Herausforderung verkommen. Man ging jetzt nicht nur UL, sondern auch SUL und sogar XUL! So ein feststehender Begriff der im Kopf der Menschen Assoziationen weckt lässt sich auch einfach besser vermarkten.  Mehr und mehr Cottage Hersteller und das Internetforum backpackinglight.com sprangen ins Leben. GoLite wurde gegründet.

Damit wurde der Fokus unweigerlich auf die Ausrüstung bzw. deren Gewicht verschoben. Dabei hatte Ray Jardine die Vorzüge seiner Ausrüstung auch woanders gesehen! Sie sollten eben nicht nur leicht sein. Für ihn steckte da weitaus mehr drin.  So geriet z.B. der gewisse kritische Umgang mit Werbeversprechen immer mehr in den Hintergrund.
Gänzlich dabei wurde vergessen, dass diese 10lbs/ 4,5kg ursprünglich für eine einzige spezifische Tour und für eine einzige Person gedacht waren. Und zwar nicht mit dem Ziel weniger wie 10oz zu tragen. Sondern nachdem die Ausrüstung zusammengestellt war, wog sie eben so viel!
Es war also nicht in erster Linie das Ziel auf ein Baseweight von 4,5kg zu kommen, sondern eine praktikable Ausrüstung zusammen zu stellen!

Das diese Ausrüstung dennoch auch bei anderen Touren funktionierte ist wohl einleuchtend, wenn man sich die Anforderungen die der PCT stellt anguckt. Aber statt die Idee bzw. das Konzept hinter der Zusammenstellung dieser Ausrüstung auf andere Touren zu übertragen, hat man es sich einfach gemacht und den messbaren Wert, das Gewicht übernommen.  
Das man z.B. in der Arktis aber nicht mit 5kg unterwegs sein kann ist wohl offensichtlich. Orientiert man sich aber an der ursprünglichen Idee von Ray Jardine, ist es auch in der Arktis möglich "ultraleicht" unterwegs zu sein!

Einige Leute (auch solche die "ultraleicht" unterwegs sind oder sich "Ultraleichtwanderer" nennen) haben sich nie mit dem Background von ultraleicht auseinandergesetzt. Ultraleicht ist eben nicht einfach die leichteste Ausrüstung im nächsten Shop zu kaufen um auf Teufel komm raus unter 4,5 oder 5kg zu landen. Ultraleicht ist die Idee eine Situation zu analysieren und daraus die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Sprich mit der für das Gelingen einer Tour wirklich notwendigen Ausrüstung und Skills und ohne unnötige Belastungen (sei es Gewichtstechnisch oder Geistig) loszuziehen! Auf den Punkt gebracht:
Bei Null anfangen ein Konzept zu entwickeln, seine Entscheidungen zu reflektieren und sich dabei an Zweckmäßigkeit, Minimalismus bzw. Einfachheit und Praxistauglichkeit orientieren.


"Ultralight is not about a single products weight!
It's about the interaction of all parts!
The gear, the trail conditions and the person!"

Für einige mag es wie gesagt einfach eine sportliche Herausforderung sein zunächst eine "sub 5" Ausrüstung zusammenzustellen. Anschließend setzt man die Latte höher und beschäftigt sich mit SUL oder gar XUL.
UL nur des ULs Willens wegen zu betreiben ist aber als würde man versuchen einer Idee ein Label aufzudrücken. Das ähnelt dann schnell einer Religion, die man nur der Religion wegen betreibt, ohne die Botschaft dahinter zu verinnerlichen. (Und die Geschichte hat mehr als einmal gezeigt, was geschieht wenn Leute so handeln).

Man konzentriert sich immer nur auf "gear" (Ausrüstung) und vielleicht erst im weiteren Schritt auf "skills" (Fähigkeiten bzw. in diesem Sinne auch Wissen).
"Attitude" (Einstellung) lassen aber viele komplett außen vor und gehen in keinster Weise darauf ein. Wer allerdings in der Schule aufgepasst hat, weis das eine sogenannte Kompetenz (competency) immer aus den drei Bausteinen Fähigkeiten (skills), Wissen (knowledge) und Einstellung(attitude) aufgebaut ist!
Fehlt etwas davon, fehlt im Umkehrschluss auch die Kompetenz. Nur mit leichtem Gepäck (das man ja mittlerweile einfach kaufen kann, ohne besondere Fertigkeiten im Umgang damit erworben zu haben) wandern, macht noch lange keinen ULer.

Beachtet man aber auch die "Einstellung" erkennt man, dass es vielmehr eine Idee, bzw. eine Denkweise ist. Und zwar das es mitunter darum geht unnötigen Ballast (materiell wie geistig) wegzulassen um einen anderen (besseren?) und evtl. tieferen Zugang zu der Materie (Outdoor) zu finden.
Als Beispiel: bei einem Tarp geht es nicht nur um die Gewichtseinsparung! Es geht auch um den näheren Kontakt zu der Natur! Man schließt die Natur nicht wie bei einem Zelt aus, sondern macht sie schon bei der Standortwahl zu einem Teil seines Erlebnisses.

Leider fehlt vielen dieses tiefere Verständnis. Es findet kein (bzw. kaum) mehr ein Umdenken statt.
Man kauft sich einen leichten Innengestellrucksack, (z.B. von Osprey) ein leichtes Doppelwandzelt (Power Tokee oder Scarp), einen teuren Daunenschlafsack, einen leichten Gaskocher (Jetstove oder Monatauk Gnat) und kommt damit auf unter 5 Kilo und ist jetzt "Ultraleicht"!
Ein wesentliches Umdenken hat aber nicht stattgefunden! Es sind immer noch die selben Produkte wie vorher, nur in einer leichteren Ausführung. Es sind einzelne, unabhängig funktionierende Dinge und keine fein aufeinander abgestimmten Systeme. Man achtet nicht mehr auf die bloße Funktionalität, das Zusammenspiel der einzelnen Teile, die Möglichkeiten die sich daraus ergeben und der weitere Blickwinkel, sondern nur noch auf das Gewicht.
Ohne aber den Sinn dahinter wirklich verstanden und verinnerlicht zu haben, bleibt "Ultraleicht" damit nur eine sportliche Herausforderung. Wie beim Sammeln, wo es nur darum geht ein weiteres "besseres" Stück seiner Collection hinzuzufügen.

Es ist damit keine Frage, ob „ultraleicht“ am Ende oder gar tod ist. Es ist eben kein Label, sondern eine Idee. Und im Gegensatz zu einem Label kann man eine Idee nicht auslöschen.
Die Konsequenz daraus?

Statt sich an eine gewichtsbezogene Definition zu klammern oder über den Begriff „ultraleicht“ zu streiten ist es in meinen Augen sinnvoller den Fokus wieder auf das wieso und warum dahinter zu lenken. Die Vermittlung von Skills ist nur der erste Schritt. Und mit diesem Artikel hoffe ich einen weiteren getan zu haben.

Hat man die tiefere Denkweise die hinter "ultraleicht" steckt erstmal erkannt und verinnerlicht, wird man feststellen, dass sie sich nicht nur auf Tour, sondern auch im Alltag wiederfindet...



Samstag, 19. Oktober 2013

Wenn die Füße schneller sind, wie der Kopf...

Dann wollen sie wetzen, loslaufen, frei gelassen werden...
Dann ist aber auch etwas nicht im Einklang.
Der Kopf bleibt zurück.
Das Gleichgewicht ist durcheinander geraten.

Vor Kurzem zog es mich wieder einmal auf den Eifelsteig. Geplant hatte ich das nicht unbedingt. Vielmehr war das eine recht spontane Sache. Ich hatte noch eine Woche frei und bevor ich mich wieder in die Arbeit stürze wollte ich mir nochmal etwas frische Luft durch den Kopf blasen lassen. Also flott alles nötige in den Rucksack gepackt. Mit der Zeit ist das immer weniger geworden und somit auch die Planung immer kürzer und unkomplizierter.
Tarp, Schlafsack, Isomatte. Dann noch Regenklamotten und 'ne warme Jacke für Abends. Zahnbürste nicht vergessen! Fehlt noch das Kochset. Mhhh... Natürlich keinen Proviant zu hause. Also schnell die Bananen die wir noch haben in den Rucksack gestopft. Mit dem restlichen Proviant werde ich mich morgen eindecken.
Wie lange wollte ich eigentlich unterwegs sein? Das wollte ich von Lust und Laune abhängig machen.

Am nächsten Morgen machte ich mich dann also mit Bahn und Bus über Aachen auf nach Kornelimünster, dem nördlichen Startpunkt des Eifelsteigs. Durch meinen Zwischenstopp um noch Proviant für die nächsten Tage einzukaufen, konnte ich erst um 15:00 Uhr starten. Naja. Wird das heute halt ein kurzer Tag.
Unterwegs fiel mir auf, wie leicht mir das Wandern fiel. Meine Beine WOLLTEN sich bewegen. Also löste ich die Bremsen...

Aus meinem zügigen Schritt wurde ein leichter Trab. Und meine Beine wollten MEHR!!!
Den Abhang runter spurten, springen, tänzeln! Ich wetzte zwischen den Bäumen lang, über die Wurzeln, durch den Matsch. Es war einfach nur großartig! Ich bewegte mich so schnell, das mein Kopf nicht mehr folgen konnte. Ich stolperte über eine Wurzel und spürte einen Schmerz in meinem Bein.
Mein Bein tat zwar etwas weh, aber geschwollen war nix. Also wanderte ich erstmal locker weiter und suchte mir einen passenden Platz für die Nacht. (Wie ich feststellen musste, fanden auch eine ganze Reihe, dicker Nacktschnecken diesen Platz auch sehr attraktiv und wollten mir unbedingt Gesellschaft leisten...)

Am nächsten Tag überdachte ich den Beginn meiner Tour. Als ich morgens aufgebrochen war, entschloss ich mich aufgrund der Wettervorhersage für festeres Schuhwerk. Nun gut, meine Inov8 Terroc sind verglichen mit dem was sonst so auf dem Eifelsteig unterwegs ist, bestimmt keine schweren Klötze an den Füßen. Aber in den letzten Monaten war ich egal ob im Alltag, beim Sport oder auf kurzen Tagestouren entweder mit Minimalschuhen, Huaraches oder teilweise gänzlich barfuß unterwegs gewesen. In den Terroc mit ihrer festen Sohle und ihrem Zehenschutz fehlte mir einfach die notwendige Rückmeldung und das sensible Gespühr für den Boden.
Ja, der Wetterbericht hatte nasskaltes Wetter angekündigt. Und ja, die Wege waren teilweise matschig. Aber die Schuhe, die mich auf dem Weg halten sollten empfand ich eher als Behinderung als dass ich mich über ihren guten Grip freuen konnte. Und mein Körper produzierte soviel Wärme, dass mir selbst meine dünne Wanderhose, die ich sonst bei Sommertouren genutzt hatte, deutlich zu warm wurde.
Zum Glück hatte ich noch (für UL-Wanderer eigentlich ziemlich untypisch) eine Backuplösung im Gepäck...
In der Nacht hatte es geregnet und während ich meine Sachen zusammen packte, nieselte es immer noch leicht. Mein Thermometer zeigte 12 Grad Celsius an. Und ich? Ich packte meine kurze Hose aus! Meine Schuhe wanderten in den Rucksack. An meine Füße schnürte ich mir meine Luna-Sandalen. Es fühlte sich sooo gut an!
Ich wanderte los.

Mein Rucksack saß leicht auf meinen Schultern. Meine Füße waren nicht länger eingesperrt und ertasteten den Untergrund über den ich mich bewegte. Die bessere Durchblutung und die gesteigerte Muskelaktivität in ihnen sorgte dafür, dass sie sich trotz des Wetters immer angenehm warm anfühlten. Leichtfüßig glitten die Kilometer unter mir dahin. Andere Wanderer die mir begegneten, starrten mich ungläubig an. Schritt halten konnte keiner. Ich merkte, wie ich wieder schneller wurde. Aber diesmal kein Zeichen von Unsicherheit. Zwar hatten meine Luna Monos deutlich weniger Profil wie meine Terrocs, aber das Feedback, das mir meine Fußsohlen lieferten, glich dies mehr als aus. Ich flog nur so dahin.

Nur wenig später war ich schon in Monschau, was laut der offiziellen Seite des Eifelsteigs eigentlich ein Etappenziel sein sollte. Es war gerade mal Mittag und meine Beine fühlten sich noch frisch. Also weiter...
Über die Berge, durch den Wald, über Stock und Stein...
Nach einer Weile holte ich bereits die ersten Eifelsteigwanderer ein, die morgens in Monschau gestartet waren. Und ich hatte noch gar nicht mit dem Laufen angefangen. Ich wollte meine Kräfte schonen. Immerhin hatte ich ja vor, auch noch die nächsten Tage auf dem Eifelsteig zu verbringen und da könnte ich Muskelkater und müde Beine wirklich nicht vertragen. Aber ich konnte nicht anders... Langsam schaltete ich einen Gang höher. Beine und Füße agierten wie selbstständig.

In meiner Freizeit drehte ich sporadisch immer mal wieder die ein oder andere Laufrunde durch den Wald. Manchmal wollte ich es dann auch schon mal wissen und trieb mich zu längeren Läufen an. Mit Barfuß- bzw. Minimalschuhen war ich jetzt auch schon seit einigen Jahren unterwegs. Aber erst seit ein paar Monaten ging ich die Sache etwas gewissenhafter an. Ich versuchte meiner Ernährung mehr Beachtung wie sonst zu schenken. Und beim Laufen drehte ich nicht einfach nur meine übliche Runde, sondern konzentrierte mich auf Haltung, Muskeleinsatz, Atmung...

Das Resultat merkte ich jetzt hier auf dem Eifelsteig. Ich lief! Ich joggte nicht schwerfällig dahin, schnappte nach Luft oder zwang meinen Beinen meinen Willen auf damit sie mich vorwärts trugen. Nein. Ich merkte deutlich, dass meine Beine gerade genau das taten, wofür sie gebaut waren. Und sie hatten Spaß dabei. Zielsicher landeten mein Füße auf dem Waldboden, fanden Halt, trugen mich vorwärts. Von Ermüdung keine Spur. Und ehe ich mich versah erreichte ich Einruhr. Das nächste Etappenziel.
Mein Kopf sagte mir, dass hier für heute Schluss währe. Immerhin hatte ich ja schon etliche Kilometer hinter mich gebracht. Mehr als ich sonst an einem normalen Tag angehen würde. Zur Belohnung für diese Leistung gönnte ich mir erstmal was kühles zu trinken.
Bevor es gegen 19:00 Uhr dunkel wurde hatte ich ja noch was Zeit. Aber einen Platz zum Schlafen brauchte ich auch noch. Also machte ich mich wieder auf und wanderte erstmal auf dem Eifelsteig weiter um dann ein geeignetes Plätzchen zu finden. Irgendwie hatte ich dann das Zeitgefühl verloren und fand mich dann doch erst gegen 23:00 Uhr im Bett wieder.

Am nächsten Morgen startete ich schon recht früh. Ich fühlte mich fit. Die Füße und Beine fühlten sich an, als hätte der gestrige Tag nie stattgefunden. Tolle Sache. Also könnte ich ja gleich versuchen nochmal was Strecke zu machen? Schnell den Krempel im Rucksack verstaut und los. Frühstück gab's in Form einer Banane und eines Riegels dann auf die Hand.
Keine Ahnung wie, aber gegen 11:00 Uhr war ich bereits in Nettersheim. Zumindest hatten mich meine Füße bis hierhin getragen. Mein Kopf befand sich noch irgendwo bei Einruhr. Ich versuchte mich etwas zu bremsen um meinem Kopf die Gelegenheit zu geben aufzuholen.
Die Umgebung und das Gelände war mir von meinen anderen Touren auf dem Eifelsteig sehr vertraut. Auf die Streckenführung bzw. Orientierung musste ich daher kein besonderes Augenmerk legen und konnte mich einfach dem Weg hingeben. Vorbei ging es an Blankenheim immer weiter Richtung Süden. Irgendwie blieb mein Kopf dabei wieder zurück und ich fand mich in Ripsdorf wieder. Seltsam, wie weit einen die Füße tragen wenn man sie lässt...
Nach einer kurzen Pause wanderte ich noch weiter bis Leudersdorf wo ich in einer großzügigen Schutzhütte ein gemütliches Lager für die Nacht fand.

Noch im Dunkeln machte ich mich wieder an den Aufbruch. Während  mein Essen in seinem Ziplock-Beutel fröhlich vor sich hin rehydrierte, packte ich meinen Quilt in den Rucksack und war fertig für einen neuen Tag.
Auf den Wiesen trieben sich im Morgennebel noch vereinzelte Rehe herum, die sich bei meiner Annäherung rasch in den Wald zurückzogen. Während ich so weiterwanderte löffelte ich mein mittlerweile durchgezogenes Frühstück aus seinem Beutel. Und es dauerte nicht lange, da war ich schon in Hillesheim. Ich nutzte den noch recht frühen Tag für einen kleinen Zwischenstop in einem Café. Handy aufladen, Kaffee trinken, Karte studieren.
Wenn ich mein Tempo so beibehalten würde, könnte ich die 330km bis nach Trier in insgesamt 6-7 Tagen schaffen! Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Und bis jetzt zeigten sich auch noch keine Ermüdungserscheinungen. Also machte ich mich rasch auf um meinen Füßen die Bewegung zu gönnen nach denen sie sich scheinbar so sehnten.
Ab jetzt ließ ich ihnen gleich freien Lauf. sie würden schon wissen, was sie sich zutrauen können. Und so flog ich regelrecht dahin. Verlief der Weg bergauf hielt ich das Tempo und zu meinem eigenen Erstaunen lief ich die Berge hoch! Ging es wieder runter wurde ich nur umso schneller. Jeder Schritt saß. Meine Luna-Sandalen lieferten ausreichend Schutz vor dem Untergrund ohne meine Füße in ihrer Bewegung einzuschränken. Ich tänzelte regelrecht zwischen den einzelnen Wurzeln entlang, die mir der Weg präsentierte. Ich fühlte mich an ein Sprichwort der Tarahumara-Indianer erinnert.

"Wenn Du auf der Erde läufst und mit der Erde läufst, kannst Du ewig laufen!"

Und schon lag Gerolstein unter mir! Das letzte Stück entlang der Dolomiten bis runter zur Innenstadt dauerte scheinbar nur einen Moment.

Bis hierhin waren es ziemlich exakt 200km seit dem Start in Kornelimünster. In Gerolstein nutzte ich daher erstmal die Gelegenheit mich mit ein paar Bananen einzudecken und meine Wasservorräte aufzufüllen. Nach einem kleinen Schwädchen (Auf Neudeutsch heißt das soviel wie "smaltalk". Derjenige der des Hochdeutsch mächtig ist, würde wohl eher "Unterhaltung" sagen.) mit der freundlichen Dame der Touristeninformation machte ich mich dann aber auch wieder auf. Neroth war ja jetzt auch nicht mehr so weit...
Neroth war sogar erstaunlich nah! Viel näher als ich es in Erinnerung hatte. Der Nerother Kopf mit seiner Ruine und seiner geschichtsträchtigen Höhle war dann ja jetzt auch nicht mehr so weit. Also weiter die letzten Meter den Berg hoch. Als ich den Nerother Kopf dann erreichte, dämmerte es bereits und ein umgestürzter Baum machte es auch nicht grade leichter dem Verlauf des Weges zu folgen.

Der Baum war dann zwar schnell umgangen (ich müsste wohl eher "überwunden" sagen) aber dank des ganzen Herbstlaubs und der einbrechenden Dunkelheit wurde die Wegfindung trotz meiner Zebralight etwas schwierig. Natürlich hätte ich auch in der Höhle oder im Schutz der Ruine übernachten können. Die Gebrüder Olbermann hätten bestimmt nichts dagegen. Aber andererseits lag Daun nun zum greifen nah und der Ehrgeiz hatte mich gepackt. Also huschte ich mit meinen Sandalen und der kurzen Hose quer durch den Wald und sank dabei im Herbstlaub ein wie im Tiefschnee. Auch mal 'ne Erfahrung...
Im Tal fand ich dann auch einen gemütlichen Platz für die Nacht und gönnte mir die verdiente Ruhe.

Aber irgendwie riss es mich schon morgens vor Einbruch der Morgendämmerung aus dem Schlaf. Die Sachen waren schnell gepackt und ich zog los.
Die Nacht über waren mir einige Dinge durch den Kopf gegangen. Was machte ich hier eigentlich? Warum hetzte ich so den Weg entlang? Wollte ich mir damit etwas beweisen? Einen persönlichen Rekord aufstellen? Wenn ich wollte, könnte ich die letzten ~100 km sogar an einem Stück hinter mich bringen. Ich müsste nur die Nacht durchlaufen. Selbst wenn ich mir eine weitere Übernachtung gönnen würde, könnte ich den Eifelsteig in 2 Tagen beenden. D.h. Ich hätte die gesamte Strecke in 6 Tagen hinter mich gebracht! Aber ist es das was ich will? Einfach den Weg "machen"? Würde ich ihn damit nicht zu einer Rennstrecke reduzieren? Dafür ist er doch viel zu schade! Scheinbar hatte mein Kopf meine Füße eingeholt...
Ich stand jetzt also vor einer Entscheidung. Durchlaufen und meinem Ego Genugtuung verschaffen? Oder das machen wofür ich hergekommen war? Den Weg und die Landschaft genießen und meinem Kopf eine Auszeit und Erholung gönnen?

Ich entschied mich für letzteres. Ich muss gestehen, dass es mir zunächst gar nicht mal so leicht fiel einen (oder eher zwei) Gänge zurück zu schalten. Aber die Umgebung der Dauner Maare lieferte mir dafür das richtige Spielzeug! Eine Hollywoodschaukel hoch oberhalb eines der Maare mit einem fabelhaften Blick über die herrliche Landschaft. Also einfach mal hinsetzen, die Füße baumeln lassen und 'ne Runde schaukeln. :-)
Irgendwann tauchten dann auch die ersten anderen Wanderer an diesem Tag auf und ich spazierte gemütlich weiter. Ich nutzte die Möglichkeit unterwegs mal die Hand ins Wasser einer dieser Vulkanseen zu halten. Ich studierte in Ruhe die Schilder links und rechts des Weges.

Ich freute mich über die Käfer die ganz unbedarft über den Weg spazierten.

Die Endschleunigung  machte mir soviel Spaß wie es vorher das Laufen tat. Wurden vorher meine Beine befriedigt, erhielt nun mein Kopf seine Belohnung.
Eine Sperrung des Eifelsteigs aufgrund von Waldarbeiten zwang mich dann zu einem kurzen Umweg. Ich machte es mir nicht komplizierter als nötig und wechselte an Ort und Stelle auf die andere Seite der Liser. Praktisch wenn man eh schon Sandalen anhat...

Langsam näherte ich mich Manderscheid. Unterwegs hatte ich viel darüber nachgedacht, was ich weiter machen sollte. Sollte ich den Rest bis Trier noch hinter mich bringen? So weit war das ja nun auch nicht mehr. Selbst wenn ich es eher gemütlich angehen würde, bräuchte ich wohl nicht länger wie zwei weitere Tage. Aber irgendwie fühlte sich das nicht richtig an.
Wenn, dann wollte ich auch den Weg als Ganzes erfahren. Dadurch das ich zu Beginn so gespurtet bin, fehlte mir einfach etwas für dieses Gefühl. Auch wenn die Beine zwar noch überraschend fit waren, war erneut Gas geben und einen Endspurt hinlegen für mich gänzlich von der Liste. Ich machte es mir nicht einfach aber schließlich beschloss ich meine Tour in Manderscheid zu beenden.
Am 5. Tag und nach 250km erreichte ich so kurz vor 15:00 Uhr das kleine Städtchen Manderscheid in der Eifel. Rückblickend war ich erstaunt, dass ich trotz einer spontanen Entscheidung und einem wenig organisierten Start diese Strecke in rund vier Tagen hinter mich gebracht hatte. Und das in eher unkonventionellen Sandalen und scheinbar ohne merkliche Beschwerden oder Ermüdungserscheinungen.
Mit Bus und Bahn ging es schließlich für mich zurück nach hause...


In den Tagen nach der Tour gingen mir verschiedene Dinge durch den Kopf. In den letzten Jahren haben unsere Touren zunehmend auch immer einen sportlichen Charakter bekommen. Auch wenn wir nie auf einen Rekord aus waren, so waren wir doch immer recht flott unterwegs. Das hatten wir damals auf dem E5 erfahren. Aber auch letztes Jahr auf dem GR20 in Korsika genossen wir es schnell unterwegs zu sein.
Und je länger ich darüber nachdachte, umso klarer wurden zwei Gedanken.

Ich würde den Eifelsteig nochmal gehen! Dann aber in seiner gesamten Länge und mit einer der Schönheit der Natur angemessenen Geschwindigkeit. Ich muss mir wieder mehr Zeit für die Momente gönnen!

Und ich wollte Laufen!
Keine kleine, gemütliche Runde durch den Wald, sondern eine Strecke die mich herausfordern würde. An einem Ultramarathon teilnehmen? Warum eigentlich nicht!

Und wenn mein Kopf dann irgendwann gelernt hat mit meinen Füßen Schritt zu halten, würde ich dann vielleicht auch mal den gesamten Eifelsteig laufen... ;-)


Donnerstag, 26. September 2013

Mountain Hardwear SummitRocket 20 VestPack


Dieses Jahr hat sich für uns im Gegensatz zu den letzten Jahren leider noch nicht die Gelegenheit für eine größere Tour in ferne Gefilde ergeben. Zu Stubenhockern haben wir uns dann aber doch nicht entwickelt. Wir haben die Zeit stattdessen für viele kürzere Touren und Ausflüge genutzt und Neues ausprobiert. Auf der einen Seite stand für uns die Entdeckung der Einfachheit. Keine aufwendigen und komplexen Planungen. Einfach das nächst beste in den Rucksack gepackt und das herrliche Wetter für naturnahe Nächte unterm Tarp genutzt während auf dem Holzkocher schon das Essen brutzelt. 

Sozusagen "back to the roots". Andererseits waren wir viel mit dem Rad unterwegs, haben das Longboard als Transportmittel mit Funfactor entdeckt oder hatten schlicht unseren Tagestouren einen sportlicheren Charakter verliehen.


Gerade bei letzterem waren unsere üblichen Begleiter schlicht unterfordert. Mit rund 30 Litern waren unsere Packs schlicht zu groß für die wenigen Kleinigkeiten die wir dabei hatten. Insbesondere wenn es mal was flotter zur Sache ging war dies spührbar. Wer einmal versucht hat eine hüpfende Wasserflasche auf dem Rücken zu tragen, weiss wovon ich rede.
Im Trailrunningbereich sind ja seit einiger Zeit Laufwesten recht populär, da diese einen deutlich besseren Sitz wie zwei simple Rucksackriemen versprechen. In der Regel sind diese Westen aber von der Ausstattung und dem Volumen her aber auch so speziell für den Trailrunningbereich ausgelegt, dass man sie kaum für etwas anderes nutzen kann. Auf dem Heimweg eben noch schnell einkaufen? Keine Chance!

Mountain Hardwear hat das Westenkonzept daher versucht auch in andere Bereiche zu übertragen. Unschwer erkennt man, dass der Spitzenathlet und Bergsteiger Uli Steck auch hier seine Finger im Spiel hatte. Der Mountain Hardwear SummitRocket 20 VestPack (was für ein Name) wird als "federleichter Westen-Rucksack für Speedbergsteiger" beschrieben, der als "ein neues Konzept superleichter, die Bewegung nicht einschränkender Alpinrucksäcke den Komfort einer Laufweste mit dem Volumen eines Bergsteigerrucksacks" verbindet. Er soll den Zugriff auf die wichtigsten Sachen erlauben ohne den Rucksack absetzen zu müssen. Eine "On-The-Fly" Kompression (das ist neudeutsch für "kann auch in der Bewegung justiert werden") soll dabei den Pack bei der Bewegung nah am Rücken halten und ein Rumhüpfen des Gepäcks verhindern. Klingt ja toll. Ob das damit der Rucksack ist, der für meine Ansprüche gemacht ist? Freundlicherweise haben mir die Bergfreunde um genau das zu prüfen einen SummitRocket VestPack zur Verfügung gestellt.

Gut, ich muss eingestehen, dass ich zwar direkt ein Mittelgebirge vor der Nase habe, aber für einen Rucksack der speziell für Speedbergsteiger konzipiert wurde, dieses Testgelände dennoch etwas zu flach ist. Wie er sich damit in seinem eigentlichen Einsatzgebiet schlägt kann ich daher leider nicht beurteilen. Gerade mit hochspezialisierten Ausrüstungsteilen wirkt es meiner Meinung nach immer etwas unfair, wenn sie außerhalb ihres Elements getestet werden und dann evtl. Erwartungen nicht erfüllen können. Niemand würde wohl ein teures Carbon-Rennrad für einen Alpencross auf ausgesetzten Singletrails nutzen um sich dann über das Rad zu beschweren. Ich hab mich dennoch daran gesetzt und den Pack seit Anfang des Jahres auf Herz und Nieren geprüft und werde im Folgenden mal meine Eindrücke wiedergeben, die ich von ihm als Multi-Sport-Rucksack gewonnen habe.
 
Fertig gepackt für eine flotte Wochenendtour
(gut zu sehen die On-The-Fly Kompression)
Der Rucksack ist aus einem 100D HT Ripstop Dobby Nylon gefertigt das sich auf den ersten Blick zwar recht dünn, aber fest und geschmeidig anfühlt. Auf der Außenseite sind Verstärkungen aus Hardwear X-Ply Ripstop (eine Art X-Pac-Gewebe mit dem wir ja bereits bei unseren Laufbursche Rucksäcken positive Erfahrungen gesammelt haben) angebracht auf denen sich Schlaufen zur Aufnahme von Eisgerät oder Trekkingstöcken befinden. Außer diesen gibt es keine weiteren Befestigungsmöglichkeiten oder Taschen auf der Außenseite. Um z.B. eine nasse Zeltplane oder Jacke unterzubringen kann man sich aber mit etwas nachträglich angebrachtem Elastikband aushelfen.
Der Zugriff auf das Hauptfach und damit auch auf das einzige Fach im Korpus des Packs, erfolgt über einen umlaufenden Reißverschluss im Deckel. Die einzige Ausstattung auf der Innenseite ist eine robuste Klettschlaufe, die dazu genutzt werden kann, ein Trinksystem in den Pack zu hängen. Eine extra Tasche für ein Trinksystem gibt es nicht. Minimalismus pur. Ein Schlauch kann entweder durch eine dafür vorgesehene Öffnung am Rücken des Packs geführt werden oder einfach durch den Deckelreißverschluss.
An den Seiten des Packs gibt es eine einfache Kompressionsmöglichkeit, deren Riemen aber zur weiteren Gewichtsreduktion auch entfernt werden können.

Der Rücken des Packs ferfügt über eine rudimentäre Schaumstoffpolsterung, die zwar verhindert, dass sich keine Sachen durchdrücken, den Pack aber auch nicht versteifen. Eine paar Konturen in der mit weichem Stoff überzogenen Polsterung sollen vermutlich den seitlichen Luftaustausch begünstigen und so für einen trockeneren Rücken sorgen.
Die wesentliche Besonderheit des Rucksacks ist wohl das Westendesign der Schultergurte. Diese sind am oberen Ende des Rucksacks wie sonst auch bei normalen Schultergurten festgenäht. Das untere Ende wird jedoch nicht wie sonst üblich durch ein Gurtband mit dem Rückenteil des Rucksackkorpus verbunden. Hier kommt die erwähnte "On-The-Fly" Kompression ins Spiel. Ein Gurtband, das im unteren Drittel auf der Frontkante des Packs fixiert ist verläuft zunächst lose durch eine Öse am Ende der Schultergurte und dann zurück zur Frontkante des Packs wo es mittels einer Leiterschnalle in der Länge justiert werden kann. Dies sorgt dafür, dass man durch einen Zug am freien Ende des Gurtbandes nicht nur die Schultergurte in der Länge justiert, sondern zudem gleichzeitig das Rucksackvolumen an seinen Inhalt anpassen kann. Das ist insofern praktisch, wenn man z.B. eine Trinblase nutzt und diese mit steigendem Wasserverbrauch nach und nach weniger Volumen im Rucksack beansprucht.


Das Tragesystem unterscheidet sich aber auch in einem anderen Punkt grundsätzlich von dem anderer Rucksäcke. Das ist eben das besagte Westendesign. Die Schultergurte umschließen dabei ähnlich einer Weste einen Großteil des Brustbereichs des Trägers. Die Front wird dabei durch zwei parallel verlaufende Brustgurte geschlossen und stabilisiert. Die Brustgurte sind durch einfache Knebel in der Höhe verstellbar. Auf einen Hüftgurt wird zugunsten einer besseren Beweglichkeit in der Hüfte komplett verzichtet.
Inwieweit dieses Tragesystem auch für Frauen funktioniert mag ich nicht zu beurteilen. Rike empfand ihn als z.B. als unbequem. Bei den Recherchen zu dem Pack hab ich aber durchaus auch Bilder von Sportlerinnen gesehen, die damit scheinbar gut zurechtkommen. Hängt also wohl stark vom individuellen Körperbau ab und ist damit nicht unbedingt für jede was.
Auf den Schultergurten befinden sich vier verschiedene Taschen. Auf der rechten Seite des Trägers gibt es eine großzügige Tasche aus Strechtstoff mit Cord-Lock Verschluss. Sie ist groß genug um eine handelsübliche 0,75L Sportflasche unterzubringen. In der Praxis bieten sich aber kleinere, halbliter Flaschen besser an. Alternativ fast die Tasche aber auch Handschuhe, Mütze, etc. Der Verschluss ist übrigens sehr clever konstruiert und lässt sich im Gegensatz zu anderen Cord-Lock-Verschlüssen sowohl einhändig öffnen wie schließen!
Auf der anderen Seite hat der Träger eine ähnlich große Tasche aus Strechtgewebe, die jedoch mit einem Reißverschluss geschlossen wird. Hier findet problemlos z.B. ein iPhone inkl. Hülle Platz oder natürlich auch mehrere Müsliriegel oder Energiegels, Taschentücher etc..
Über diesen beiden Taschen befindet sich jeweils eine kleinere aus Strechstoff. Rechts mit einem senkrechten Reißverschluss, links mit einem kleinen Klettdeckel. Anfänglich war ich etwas skeptisch ob der minimalen Größe dieser beiden Taschen. Mehr als ein Schlüssel oder ein paar Elektrolyte würden da wohl nicht rein passen. In der Praxis konnte ich dann aber doch meinen Kompass, ein Taschenmesserchen, Ersatzbatterien für meine Stirnlampe, Ipod mit Kopfhörern und andere ähnliche Kleinigkeiten dort zugriffbereit unterbringen.  Keine der Taschen ist wasserdicht. Auf beiden Seiten der Schultergurte gibt es oberhalb die Möglichkeit einen Trinkschlauch zufixieren.

Wie hat sich der SummitRocket 20 VestPack nun bei mir in der Praxis geschlagen?
Um ehrlich zu sein hat er sich in den vergangenen Monaten nicht zu meinem Go-To-Pack entwickelt. Dafür ist er einfach dann doch zu speziell. Gerade wenn man öfter auf den Inhalt des Hauptfachs zugreifen möchte (im Alltag, beim Sammeln von Kleinigkeiten im Wald, etc.) lässt sich ein einfacher, simpler Rucksack einfach mal flotter absetzen und öffnen. Beim VestPack muss man jedesmal um die Weste aus- oder wieder anzuziehen zwei Brustgurte öffnen bzw. schließen damit der Pack vernünftig sitzt. Mit offenen Brustgurten fühlt er sich einfach irgendwie nicht richtig an. Für Leute, die auch sonst bei jeder Gelegenheit mit geschlossenem Brust und Hüftgurt unterwegs sind, mag dies keine große Umstellung sein. Ich verzichte bei meinen anderen Rucksäcken aber sonst komplett auf Hüft und Brustgurte, was meinen Eindruck zum VestPack evtl. erklärt. Andererseits ist er ja aber auch nicht zum Schlendern in Wald gedacht bei dem man seinen Rucksack lässig über eine Schulter spazieren trägt.


Immer wenn es etwas flotter zur Sache ging war der VestPack dann aber auch voll in seinem Element. Egal ob beim Laufen oder bei längeren Touren auf dem Longboard, der Pack saß einfach wie angegossen. Das Westendesign schmiegte sich dabei schlicht um den Oberkörper ohne irgendwie einengend zu wirken. Auch das Gepäck im Hauptfach behielt immer seine Position ohne zu wackeln. Selbst eine volle 3 Liter Trinkblase im Hauptfach fiel nicht störend auf. Der Schwerpunkt ließ sich immer schön nah an den Körper bringen und die Taschen auf der Frontseite ermöglichten einen sicheren und unkomplizierten Zugriff auch in voller Bewegung. Der Rücken blieb zwar wie bei einem so eng anliegenden Pack wie zu erwarten nicht trocken, fühlte sich aber aufgrund des Polsterung und des verwendeten Materials auch nicht wirklich unangenehm nass an. Da auch meine sonstigen Rucksäcke komplett auf eine Rückenbelüftung oder gar eine Polsterung verzichten, mag mein Empfinden subjektiv besser gewesen sein, wie bei anderen Trägern. Ich fand aber, dass die Rückenkostruktion ein guter Kompromiss zwischen Klimakomfort und körpernahem Sitz ermöglicht.

Zelt, Quilt, Isomatte, Kocher, Verpflegung und Wetterschutzkleidung; alles passt rein! 

Der Pack ist mit 20 Liter an Volumen angegeben und auch wenn ich ihn nicht selber ausgelitert habe, so fast er doch dank eines günstigen Schnitts einen beachtlichen Teil an Ausrüstung. Mit etwas Umsicht passt hier alles für einen Overnighter oder ein Biwak rein. Wer auf das Übernachten im Freien komplett verzichtet braucht vom Volumen selbst für eine längere Tour wirklich nicht mehr. Der Zugriff auf das Hauptfach ist dabei groß genug um auch mal einen Helm drin unterzubringen. (Da merkt man halt doch, dass er aus dem Bergsport kommt)
Lediglich auf der Frontseite hätte ich mir manchmal zwei dieser Trinkflaschentaschen gewünscht, statt eine Trinkflaschentasche und eine Reißverschlusstasche. In der Trinklfaschentasche lassen sich halt auch Smartphone oder Riegel unterbringen. Umgekehrt in der Reißverschlusstasche aber keine Trinkflasche. (Für den Fall, dass man zwei Flaschen mitnehmen möchte, z.B. wenn man auf ein Trinksystem verzichtet)

Seine Stärke hat der Rucksack für mich beim Radfahren gezeigt. Ich würde sogar soweit gehen und ihn als idealen Radrucksack bezeichnen! Für längere Touren hat man die Möglichkeit seine Wasservorräte in einer Trinkblase mitzuführen, die im Rucksack immer perfekt gegen Wackeln und Hüpfen transportiert werden kann. Auf der Frontseite kann man dann Snacks griffbereit für unterwegs mit sich führen oder auch eine kleinere Trinkflasche mit Saft oder Elekrolyten. Dabei liegt der Pack deutlich sicherer am Träger an, wie ich das von sonstigen Bike-Rucksäcken her kenne.

Das Material des Rucksacks hat sich trotz seiner dünnen Haptik als ausgesprochen robust herausgestellt. Vermutlich ist das auch zum Teil seiner recht glatten und geschmeidigen Oberfläche geschuldet, die möglichen Abrieb schlicht reduziert, da sie einfach nirgendwo hängen bleibt. Wenn man bedenkt, für was für Aktionen der Pack konstruiert wurde, darf man aber auch nichts anderes erwarten.

Etwas mehr Aufmerksamkeit hätte Mountain Hardwear lediglich der seitlichen Kompression zukommen lassen. Grundsätzlich nicht schlecht gemacht, wirkt sie durch das breite und schwere Gurtband etwas überdimensioniert. Vermutlich hat Mountain Hardwear damit gerechnet, dass Alpinisten dort noch zusätzliche Ausrüstung verstauen würden. Der wesentliche Mangel besteht aber aus meiner Sicht darin, dass die Kompression lediglich über drei recht weit auseinander liegende Punkte erfolgt. Das sorgt dafür, dass sich der Pack nur bis zu einer gewissen Grenze sinnvoll komprimieren lässt. Plant man z.B. den Pack nur als Trinksystem zu nutzen, lässt sich das Volumen nicht ausreichend reduzieren um eine Trinkblase zu stabilisieren. Ein oder zwei zusätzliche Kompressionspunkte an der Seite würden dieses Problem umgehen. Meiner Meinung nach liegt das minimal sinnvolle Volumen bei dem man noch die Kompression voll nutzen kann bei etwas weniger wie der Hälfte des Maximalvolumens.

spezielle Rucksäcke erfordern spezielles Testgelände ;-)

Nachdem ich den Rucksack jetzt seit anfang des Jahres ordentlich durchgenudelt habe bin ich alles in allem mit dem SummitRocket 20 VestPack für sportliche Aktivitäten sehr zu frieden, auch wenn er sich bei mir nicht als Allroundrucksack für jede Gelegenheit etabliert hat. Dafür ist er mir einfach dann doch etwas zu speziell. Wer aber noch einen zuverlässigen und wirklich gut sitzenden Rucksack in der 20 Literklasse sucht und den es nicht stört immer mit geschlossenem Brustgurt rum zulaufen, der sollte hier unbedingt mal einen Blick riskieren. Für sportliche Aktivitäten, bzw. wenn ein guter Sitz des Packs Priorität hat, ist er zumindest für mich erste Wahl.