Samstag, 3. Oktober 2009

Zelt vs. Tarp

Was das Zelt und den dadurch gewonnenen Wetterschutz und Temperaturgewinn angeht, kann man sich schnell verschätzen.
Als Wissensgrundlage zu diesem Thema empfehle ich zuerst den Abschnitt Wärmeverlust vs. Isolation zu lesen.
Sowohl beim Schlafsack als auch bei Zelt isoliert die Luft und nicht das Material. Diese muß allerdings
1. aufgewärmt werden
2. vorm Auskühlen geschützt werden.

Das Aufwärmen übernimmt dabei der Körper.

Ein wichtiger Faktor (nicht der einzige!!!) beim Auskühlen ist der Wind. Dieser "nimmt" die mühsam aufgewärmte Luft einfach mit und läßt kalte Luft zurück.
(Beispiel: Sehr gut merkt man den Unterschied beim Tragen eines Fleece.
Dieses wärmt recht gut, da der Loft, d.h. die kleinen Luftkammern die durch das Gewebe gebildet werden, sehr dicht liegen und schnell aufgewärmt werden.
Weht Wind, spürt man diesen durch den Fleecestoff recht rasch und die Isolation ist nahezu hinfällig. Trägt man dazu eine "loftlose" aber winddichte Jacke, z.B. ein einfaches Windshirt oder auch eine Regenjacke hält sich die aufgewärmte Luft im Fleecegewebe und man hat es deutlich wärmer. Das Ganze ist auch als Windchilleffekt bekannt.)

Was bedeutet das jetzt für Zelt/ Tarp/ Schlafsack?

Als erstes muß die Luft erwärmt werden.
Dies geht bei einem Schlafsack deutlich schneller, als wenn man ein komplettes Zelt nur mit Körperwärme aufheizen will.
(Darum hat man zu hause auch eine Heizung, die einem die Arbeit abnimmt )

Des weiteren muß der Windchilleffekt ausgeschaltet werden.
Möglichkeiten dazu:
-geschlossenes Zelt
-Tarp als Windschutz aufgebaut
-Biwaksack
-Windichtes Außenmaterial am Schlafsack

Ein weiterer Faktor ist die Strahlungswärme (Radiation)
(eine Rettungsdecke wird z.B. genutzt, um diese zu reflektieren.)
Um nicht NOCH tiefer in die Materie zu gehen reicht es erstmal, zu wissen, daß die zur Verfügung stehende Oberflächengröße wichtig ist.
Je größer die Oberfläche, umso schneller kühlt etwas aus.
Bei einem Schlafsack ist die Oberfläche deutlich kleiner als bei einem Zelt.

Wenn man das alles zusammen betrachtet, wird schnell klar, daß es
1. Schwer ist, ein Zelt aufzuheizen
2. aufgrund der Strahlungswärme in einem Zelt die Wärme zu halten

Bliebe noch der Wind.
Wie bereits oben aufgelistet reicht im Normalfall schon ein winddichter Außenstoff, oder ein leichter Biwacksack.
Der Gewichtsunterschied zwischen einem (selbst einfachen und leichtem) Zelt und einem Biwacksack dürfte offensichtlich sein.
Ein geschickt aufgebautes Tarp (oder auch ein Tarptent) wiegt unwesentlich mehr als ein Biwacksack, liefert aber zudem noch ein Dach, das vor Regen schützt.


Der Temperaturgewinn, den man durch ein Zelt erreicht liegt erfahrungsgemäß meist bei weniger als 5°C, deutlich abhängig von den o.g. Faktoren.
(Bei vollem Sonnenschein und Windstille kann es auch mal schnell, aufgrund der großen Oberfläche, "unerträglich" warm werden
Eben so schnell kühlt das Zelt aber auch wieder aus.)

Ein Zelt wiegt dabei meist deutlich mehr als 1 Kilo. ("Standardzelte" liegen meist bei 2 oder mehr Kilo. Tarptents kann man bei diesem Vergleich, da nicht vollständig geschlossen, von der Funktion her als Tarps werten)

Als Beispiel für einen Schlafsack nehm ich z.B. den Yeti V.I.B. 250 mit 630 Gramm und 5°C Komfortbereich und vergleiche das mit seinem wärmeren Gegenstück, dem Yeti V.I.B. 600 mit 1020 Gramm und -6°C Komfortbereich.

Bei ca. 400 Gramm Mehrgewicht habe ich einen Temperaturgewinn von gut 11°C.
Mehr als doppelt soviel wie man mit einem Zelt bei deutlich höherem Gewicht erhalten würde.
Dabei ist (laut Hersteller) das Außengewebe des Schlafsacks winddicht und wasserabweisend.
Selbst wenn man ein Tarp und eine Bodenplane mitführt, liegt man noch deutlich unter dem Gewicht eines vollwertigen, geschlossenen Zeltes.



Selber nutze ich Einen RW-Quilt, EVA-Isomatte, Groundsheet und Tarp, bzw. bei längeren Touren ein Tarptent (Lunar Duo von Six Moon Design).

Ich habe bewußt darauf verzichtet, NOCH detalierter zu werden, obwohl es noch andere Faktoren gibt, die eine wesentliche Rolle spielen. Z.B. die von Ray Jardine so oft erwähnte Luftfeuchtigkeit. Demnach kühlt die aufgestaute Luftfeuchtigkeit in einem Zelt die Temperatur weiter runter (Wasser leitet Wärme besser als Luft). Zudem saugt sich die Feuchtigkeit in den Schlafsack und senkt auch hier die Isolierung. Bei einem offenen Tarp, findet ein beständiger Luftaustausch statt, der verhindert, daß es zu einer hohen Luftfeuchtigkeit kommt.
(Bei einem Zelt wird man oft Kondenswasser am Zeltgewebe bemerken. Bei einem Tarp jedoch nur sehr selten)
Wer sich damit ausgiebiger auseinander setzen möchte kann im entsprechenden Kapitel in Ray Jardines Buch "TrailLife" bzw. "Bejond Backpacking" nachschlagen.
Auch die Konvektion, d.h. der Wärmeaustausch mehrerer Luftschichten würde die "isolierende wirkung" eines Zeltes noch schlechter da stehen lassen.


Das ich physikalisch nicht unbedingt alles so 100% korrekt erklärt habe sieht man mir hoffentlich nach. Mit diesem ausführlichen Beitrag will ich auch UL-Neulinge dazu anregen, mal ein Tarp statt einem Zelt auszuprobieren und keine Examensarbeit in Thermophysik liefern. Wer sich jedoch näher mit dem Thema Isolierung beschäftigen will kann dies im Abschnitt Wärmeverlust vs. Isolation tun.

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