Dienstag, 26. Januar 2010

The RayWay


Wer sich etwas länger mit Ultraleichtwandern auseinandersetzt, der stößt früher oder später auf den so genannten RayWay, benannt nach dem Amerikaner Ray Jardine. In der gesamten Outdoorszene gibt es wohl kaum jemanden, dessen Methoden und Philosophie so umstritten sind wie die von Ray.

Was hat es also damit auf sich?
Ray Jardine wurde 1944 in Colorado Springs geboren. Beruflich war er gelernter Raumfahrtingenieur. Seine Outdoor Karriere begann er im Klettersport und schon bald galt er als einer der besten Kletterer weltweit. Unter anderem erfand er das noch heute im Klettersport genutzte Sicherungsgerät "Friend", das diese Sportart revolutionierte.
Neben diversen anderen outdoorlastigen Etappen in seinem Leben, um die ihn wohl viele beneiden, wanderte er unter anderem mit seiner zukünftigen Frau Jenny 1987 den Pacific Crest Trail, einen der drei längsten Fernwanderwege der Welt.
Dabei nutze er noch weitestgehend klassische Ausrüstung. Die Erfahrungen die er während dieser Tour gesammelt hat, veranlassten ihn dazu das gesamte Konzept des Wanderns und der dazu notwendigen Ausrüstung zu überdenken.
Anstelle eines geschlossenen Zeltes griff er zu einem Tarp. Dieses stattete er mit so genannten "Beaks" aus, die ihm einen verbesserten Wetterschutz gewährten.
Zusätzlich überarbeitete er das Schlafsackkonzept und entwickelte den Quilt, eine konturgeschnittene Decke, die deutlich leichter und flexibler einzusetzen war als ein geschlossener Schlafsack.
Statt schwerer Regenjacke reichte ihm zukünftig ein auf seine Bedürfnisse angepasster Schirm, der ihm nicht nur Regen-, sondern auch Sonnenschutz lieferte.

Das solcherart eingesparte Gewicht erforderte keinen schweren Rucksack mit Innengestell mehr. Er entdeckte den gestelllosen Rucksack wieder und nähte einfache Rucksäcke die ihre Formstabilität durch eine eingesetzte Isomatte erhielten. Selbst die noch anfänglich angebrachten Hüftgurte konnten aufgrund des geringen Gewichts wegfallen.
Anstelle klassischer Wanderstiefel griff er in Folge des reduzierten Gewichtes auf gewöhnliche Turnschuhe zurück.
1991 lief er zum zweiten mal den PCT, diesmal mit seinem neu entwickelten Konzept. 2700 Meilen in 4 Monaten und 3 Tagen. Der Erfolg gab ihm recht und so veröffentlichte er das damals revolutionäre Buch  "PCT- Hiker's Handbook". Der RayWay war geboren.


Der RayWay - eine andauernde Diskussion
Wie immer, wenn jemand mit ungewöhnlichen und revolutionären Ideen daherkommt war die Meinung über ihn und sein Buch geteilt. Man warf ihm vor, seine Methode als die einzig richtige darzustellen und alles andere zu verdammen. Seine Methoden seien zu radikal und lebensgefährlich war ein anderer Vorwurf.
Fakt ist jedoch, dass Ray Jardine mit seinem Konzept und seinem Buch eine neue Richtung in der Outdoorszene in Gang gebracht hat, die sich heutzutage im Ultraleichtsgewichtswandern wieder spiegelt. Zwar stimmen auch heute Verfechter der Ultraleichtphilosophie nicht unbedingt mit Ray Jardine und seinen teils kurios wirkenden Praktiken und Erklärungen überein, aber viele Ausrüstungsteile einer modernen Ultraleichtausrüstung haben ihren Ursprung in Rays Konzepten und so kann man ihm auch nicht einen gewissen Mythos absprechen.
(Anfangs entwickelte er unter anderem mit GoLite zusammen eine von ihm geprägte Ausrüstungsreihe, die aber nach einigen Differenzen beider Seiten eingestellt wurde)
Wer seine Bücher (mittlerweile hat er sein PCT- Hiker's Handbook das zweite mal überarbeitet und es ist nun unter dem Titel "Trail Life" erhältlich) gründlich gelesen hat und sich auch die Zeit genommen hat sich mit ihnen auseinanderzusetzen, wird festgestellt haben, daß Ray mitnichten seinen Weg als den einzig richtigen bezeichnet. Er gibt jedoch an, daß diese Methoden für ihn funktionieren und lädt dazu ein, sie selber einmal zu testen. Dabei soll man möglichst nicht die radikale Variante wählen und unvorbereitet mit einem komplett neuen Satz RayWay-Ausrüstung losziehen. Stattdessen rät er auf kurzen Touren (oder auch einfach im heimischen Garten) sich nach und nach mit ihr vertraut zu machen. Seine normale Ausrüstung kann dabei als "backup" im Rucksack mitgeführt werden. (z.B. kann man versuchen wie man sich beim Schlafen unterm Tarp fühlt, hat aber noch sein bewährtes Zelt griffbereit)





Ein anderer kurioser Vorwurf basiert auf Rays "Lieblingsspeise". In seinem Buch lobt er die von ihm hochgeschätzten Mais-Spaghetti als seine bevorzugte Nahrung während seiner Touren. Das  werfen ihm tatsächlich manche Leute vor. Dazu kann man aber nur folgendes erwidern:
Wer sich auf einen Thruhike begibt und nur wegen der Lektüre eines Buches sich bis zum Rand mit Mais-Spaghetti eindeckt, ohne diese wenigstens vorher probiert zu haben, ist irgendwo selber schuld, wenn er am ersten Tag merkt, das diese ihm nicht schmecken.
(rohe Zwiebeln sind zwar auch gesund, trotzdem würde ich nicht auf die Idee kommen, mich während einer Tour nur von Zwiebeln zu ernähren. Egal was die Leute schreiben.)
Das Gleiche gilt für alle anderen Praktiken. Erst in gewohnter Umgebung ausprobieren und nicht gleich für gut oder schlecht abtun.
Das Ray Jardine allerding nicht einfach bei der Erläuterung seiner Ausrüstung halt macht, sondern auch andere Aspekte wie etwa seine grundsätzlichen Gedanken zur Ernährung (d.h. nicht nur für unterwegs) mit einfließen lässt, zeigt für mich, dass er seinen RayWay als umfassenden Denkansatz sieht. Er betrachtet nicht einzelne Punkte, sondern versucht ein zusammenhängendes System aller einwirkenden Faktoren zu erstellen.



Was ist dran am RayWay?
Bevor ich auf Ray Jardine und seine Ideen gestoßen bin hatte ich mich bereits mit Ultraleichtwandern beschäftigt. Da viele geteilte Meinungen über Ray und seinen RayWay existieren nutzte ich die Gelegenheit und setzte mich selber mit diesem Thema auseinander. Nach der Lektüre eines seiner Bücher, das oftmals aufgrund seiner auch leicht esoterisch wirkenden Betrachtungsweisen mancher Dinge, sehr kurios wirkt versuchte ich mich dennoch an den von ihm praktizierten Methoden. Nach und nach testete ich verschiedene Konzepte, die er in seinem Buch vorstellt. Man kann nun von Ray Jardine behaupten was man will, aber seine Methoden funktionieren!
Das Tarp findet heutzutage in der Ultraleichtszene große Verbreitung und bei vielen davon finden sich auch Rays "Beaks" wieder. Gestelllose Rucksäcke sind das Markenzeichen der Ultraleichtszene. Viele Nutzer von Ultraleichtpraktiken greifen auf Laufschuhe als ihre bevorzugte Wahl zurück.
Aber auch weniger populäre Techniken aus dem RayWay haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. Während einer Schottlandtour testete ich zum ersten mal einen Schirm unter "realen" Bedingungen. Die Vorzüge überzeugten mich so schnell, dass ich schon während der Tour meine normale Regenkleidung nur noch im Rucksack beließ und stattdessen mit Schirm und Windshirt durch den schottischen Dauerregen lief. Auch während meiner weiteren Touren habe ich seitdem nie mehr auf den Schirm verzichtet. Auch als Sonnenschutz in Sardinien lieferte er hervorragende Dienste.
Während kürzerer Touren, oder bei Solotouren ist das Tarp meine bevorzugte Unterkunft. Selbst im Winter kann man es erfolgreich einsetzen, wenn man sich mit der Materie auseinandergesetzt hat.


Der RayWay will sich aber nicht allein als Ultraleichtphilosophie verstanden fühlen. Ray Jardine hat im übrigen selber nie von "Ultraleicht" gesprochen oder eine wie auch immer geartete Gewichtsobergrenze festgelegt. Ray Jardine betrachtet das Ganze auch als eine Art Distanzierung von der Massenwahre und von der Kommerzialisierung. Man sollte nicht der von Herstellern geprägten Meinung folgen ("Bei Unwettern kann Dich nur eine Jacke mit X-Tex-Membrane schützen") die mehr ihre eigenen Interessen vertreten,  sondern sich objektiv mit der Materie auseinandersetzen um dann seinen eigenen Weg zu finden.
Für ihn steht damit nicht nur die Reduzierung des Gewichts im Vordergrund sondern vielmehr die Minimierung alles Überflüssigen und die Betrachtung aller Zusammenhänge als System in einem gemeinsamen Kontext. Damit ähnelt seine Denkweise in manchen Bereichen z.B. denen von Dieter Rams (Reduzierung auf Wesentliche) oder Rudolf Steiner (Ganzheitliche Betrachtungsweise).

Wer sich selber mal an den RayWay wagen will, dem rate ich das gleiche wie Ray. Alles in gewohnter Umgebung nach und nach auszuprobieren und dann das für sich annehmen, was einem liegt.
Für mich hat der RayWay zumindest einige neue Denkanstöße geliefert und nicht nur Auswirkungen auf meinen Tourenalltag gehabt.



Mehr Infos zum RayWay?
Wer sich näher mit dem RayWay beschäftigen will, dem rate ich zu der Lektüre eines seiner Bücher, oder einem Besuch seiner Webseite.
Dort bietet Ray auch verschiedene Selbstbausets an. Unter anderem für Tarps mit passenden Mückenschutzelten, Quilts und Rucksäcke. Zum Umfang gehört dabei das Material und eine sehr detaillierte und gut umsetzbare Anleitung, die es selbst Nähanfängern erlaubt ihre eigenen Projekte zu verwirklichen.
Für die Leute die bei einem Rucksack nicht auf einen Hüftgurt verzichten wollen, oder können (z.B. aufgrund von Rückenbeschwerden) hat er jetzt auch Varianten mit Hüftgurt ins Programm aufgenommen. Das zeigt auch, daß er mitnichten seinen Weg dogmatisch betrachtet, sondern vielmehr andere dazu anregen will auch Neues auszuprobieren und seine Leidenschaft mit anderen zu teilen.
Bei Touren, die spezielle Ausrüstung erfordern, greift auch er auf Innengestellrucksäcke zurück. Und während seiner Skitour zum Südpol nutzte er auch ein geschlossenes Zelt und kein Tarp. Aber selbst dort zog er einen Quilt einem geschlossenen Schlafsack vor. Die richtige Ausrüstung zur richtigen Zeit.
(und das Wissen diese auch richtig einzusetzen)

Zu guter Letzt...
Ich möchte mit diesem Artikel keine neue Diskussion über Rays Person oder über seine Philosophie entfachen. Vielmehr möchte ich dazu anregen auch mal unvoreingenommen Neues auszuprobieren.
Laßt Euch nicht von merkwürdig anmutenden Formulierungen oder seltsamen Ausdrucksweisen abschrecken (immerhin lest ihr ja auch meinen Blog ;-) ) sondern versucht offen an die Sache ranzugehen.
Auch wenn vieles was Ray so schreibt ungewohnt klingt, sollte man ihn deswegen noch lange nicht als Spinner abtun.
Seine Praktiken im Outdoorbereich haben sich zumindest vielfach bewiesen.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für den tollen Beitrag. Irgendwie kamen mir beim Lesen ein paar MYOG-Ideen. Mal sehen, ob ich mich daran noch nach den Klausuren erinner :-D

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  2. Hallo Basti!
    Ich finde Deine Zusammenfassung trifft es doch sehr gut. Daß Leute alles "fremde" oder ungewohnte als falsch abtun, damit schlägt man sich doch jeden Tag herum, letztendlich drücken sie einem so ja indirekt ihre eigene Meinung auf, sind also um nichts besser....Daß man als Wanderer mit hang zum UL stetig kritisiert wird, ändert sich wohl leider so schnell auch nicht, sieht man ja in "dem" großen Forum.
    Dein Artikel ist auf jeden Fall informativ und macht Lust auf mehr, ich werde mir mal eins seiner Bücher besorgen! Daß er den Friend entwickelte, war mir auch neu.

    Vielen Dank!

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