Donnerstag, 26. August 2010

Wie Hannibal über die Alpen (Teil 2)

Teil 1 unseres Tourenberichts findet ihr hier.
Und hier kommt die Fortsetzung:

Doch am nächsten Tag sah die Welt nicht mehr ganz so rosig aus. Zum ersten mal während unserer Tour holten wir die komplette Regenmontur raus.

Der weitere Weg ins Tal führte dann auf einer breiten Forststraße lang, was uns akrobatische Einlagen um diverse Schlammlöcher herum und über rutschige Steine ersparte.

Hätte uns der Wetterbericht nicht schon vorgewarnt, hätten wir vermutlich statt dem Abstieg nach Wenns den Weg über Piller und anschließend über den Kaunergrad gewählt. So aber suchten wir uns rechtzeitig im Tal eine wetterfeste Unterkunft die uns vor der angekündigten Wetterfront schützen sollte. Dies würde zwar leider dazu führen, daß wir den herausgearbeiteten Vorsprung vor den Wandermassen einbüßen würden, jedoch hatten wir auch keine Lust während eines Unwetters irgendwo im Gebirge festzuhängen. Wie sich herausstellen sollte eine mehr als kluge Entscheidung.

Wir befanden uns auf 1800m und über nacht fiel Schnee.

Selbst die Einheimischen waren ob der Menge überrascht und kein Wetterbericht hatte mit so einem Wetterumschwung gerechnet. Auf den vor uns liegenden Berghütten war der Strom ausgefallen und Wanderer wurden wieder zurückgeschickt. Der vor uns liegende Pass, das Pitztaler Jöchl war vorerst gesperrt. Eine Wetterbesserung und damit eine mögliche Begehung des knapp 3000m hohen Passes war nicht vor drei Tagen zu erwarten.
Was also tun? Warten? Eine andere Route wählen? Den Bus nehmen und einfach auf die andere Seite fahren?
Drei Tage zu warten ohne das jemand eine Gewähr dafür übernehmen konnte dass der Pass dann auch wirklich begehbar sei kam für uns nicht in Frage.
Eine wirkliche Alternativroute gab es auch nicht, fehlte uns doch die technische Ausrüstung wie Grödel, Pickel und Klettergurt. Zumal auch die anderen Pässe vom Schnee zugedeckt waren.
Den Bus nehmen um dann erneut vor dem nächsten Pass zu stehen und nicht rüber zu kommen schied für uns auch aus. Immerhin wollten wir die Strecke ja zu Fuß bewältigen und nicht per Ticket.

Nachdem wir uns lange Zeit den Kopf zerbrochen hatten Karten und den Wetterbericht studiert und jede Möglichkeit durchgespielt hatten blieb für uns nur eine Konsequenz.
Wir mussten unsere Alpenüberquerung hier an dieser Stelle abbrechen.

Unsere ursprüngliche Route hatten wir ja schon von Beginn an aufgeben müssen. Das schwierige Wetter hatte es auch nur zugelassen auf dem stärker frequentierten E5 zu bleiben, da hier zumindest die Wege leichter gangbar und besser ausgeschildert waren. Die Menschenlawine, die sich aber hier entlang schob zwang uns aber einen eigenen Rythmus auf, der nicht unserem Wandergefühl entsprach und uns beständig "zur Flucht" vor den Massen animierte.
(Allein um mal ungestört im Gebüsch zu verschwinden war zuerst immer ein halbstündiger Sprint vonnöten um einen entsprechenden Abstand zu gewinnen. Das macht doch keinen Spaß mehr...)
Mal ganz zu schweigen von den Steinschlägen oder anderen Unachtsamkeiten dieser Wandergesellen.

Vor Regen zu kapitulieren ist normalerweise nicht unsere Art. Auch vier Wochen anhaltender Dauerregen in Norwegen hatte uns damals nicht davon abhalten können, das Nordkap zu besuchen. Aber in den Bergen ist das halt was anderes. Zumal wir uns auch eher auf eine ruhige Bergwelt gefreut hatten und die Menschenmassen uns dort regelrecht verschreckt hatten.

So schnürten wir zum letzten mal in den Alpen unsere Rucksäcke und fuhren mit Bus und Bahn zurück nach Oberstdorf.
Dass wir nicht die einzigen waren, denen das anhaltende schlechte Wetter arg zugesetzt hatte sahen wir bei einem Zwischenstopp in Bregenz.



Doch unseren Urlaub wollten wir an dieser Stelle noch nicht abbrechen. Zum Glück hatten wir in unserem Auto neben einigem anderen Zeug auch noch eine ganze Tasche mit Reiseführern und Kartenmaterial eingepackt. Ein Anruf beim Laufburschen, der für uns freundlicherweise den Wetterfrosch spielte und ein wenig blättern in unseren eigenen Unterlagen und unser Plan stand fest. Wir fuhren weiter Richtung Dolomiten...


Wie Hannibal über die Alpen (Teil 1)

So, oder zumindest so ähnlich (halt nur vieeel leichter) sollte unsere diesjährige Sommertour aussehen.
Nach langer Planungs- und Vorbereitungszeit stand unsere Route schließlich fest. Das Kartenmaterial war besorgt. Die Ausrüstung zusammengestellt. Das Essen als Freezerbagfood vorbereitet. Und zu guter letzt ist am Vorabend unserer Abreise auch noch unser neuer Daunen-Quilt fertig geworden.
Einer erfolgreichen Tour stand somit also nichts mehr im Wege. Oder etwa doch?

Wie jeder mit ein bisschen Outdoorerfahrung weiß lässt sich fast alles planen, bis auf das Wetter.
Und wer schon mal in den Bergen unterwegs war weiß, dass eine dort geplante Tour wie nirgend sonst vom Wetter abhängig ist. Das Wetter sollte dann schlussendlich auch zum Abbruch unserer Tour führen.

Wie es aber überhaupt erst soweit kam und wie wir dann schließlich doch noch die Berge unsicher machten, davon will ich im Folgenden berichten.

Wie schon gesagt. Unsere Sachen waren gepackt und im Auto verstaut. Wie sich später zeigen sollte war es in mehrerer Hinsicht eine gute Idee gewesen, das Auto zur Anreise zu nutzen. Aber eins nach dem Anderen.
Der Startpunkt unserer ursprünglich geplanten Route sollte in Bregenz liegen. Von dort wollten wir uns parallel zum bekannten E5 durch die Bergwelt Richtung Bozen bewegen. Auf unserer Fahrt Richtung Süden verkündete der Wetterbericht jedoch eine Unwetterwarnung für das Gebiet Bodensee. Als wir schließlich die ersten Ausläufer dieses Unwetters am eigenen Leib erfahren durften (bei denen unser Auto recht unsanft hin und her geschoben wurde) beschlossen wir kurzerhand den Startpunkt nach Oberstdorf zu verlegen, das wir ursprünglich umwandern wollten. Dies brachte uns zwar auf den populären und gut besuchten E5, jedoch konnten wir somit auch das Gewitter umgehen. In Oberstdorf also schnell einen Parkplatz gesucht, Rucksäcke geschultert und los ging es.


Am frühen Nachmittag begannen wir unseren Aufstieg Richtung Kemptener Hütte. Zwar sahen wir unterwegs auch noch einige andere Wanderer, jedoch war der Hauptschwall der E5 Begeisterten zu unserem Glück schon deutlich früher aufgebrochen.
Nach einem etwas verspäteten Mittagessen auf der Spielmannsau ließen wir den anfänglich noch asphaltierten Weg bald hinter uns und wanderten im dicht bewachsenen Hang stetig bergauf.

Wie wir bald merkten, hatten wir das Unwetter doch nicht gänzlich hinter uns gelassen und schon bald wurden wir genötigt zu unseren Schirmen zu greifen.

So ausstaffiert arbeiteten wir uns weiter bergan wobei der Regen stetig zunahm. Lediglich die Molche, die unseren Weg kreuzten, blieben davon annähernd unbeeindruckt.

Wir hingegen waren schon bald gezwungen die kleinen Rinnsale, die sonst idyllisch die Felswand runter plätschern, sich nun aber zu waren Sturzbächen entwickelt hatten zu kreuzen, während uns die Wolken um uns herum die Sicht nahmen.

Schließlich riß für einen kurzen Moment vor uns die Wolkendecke auf und wir erblickten die Kemptener Hütte. Zwar hatten wir auch unser Zelt im Gepäck, aber angesichts den Verlockungen eines warmen und trockenen! Bettes beschlossen wir auf den Komfort der Hütte zurückzugreifen.

Dort bekamen wir auch zum ersten mal einen Eindruck davon, was uns die nächsten Tage erwarten würde. Die Hütte war von Wanderern überlaufen. Neben mehreren Bergschulen, bzw. geführten Wandergruppen war die Gaststube bis oben hin mit Bergbegeisterten aller Art angefüllt. Was das für unseren weiteren Weg bedeuten würde, konnten wir uns hier jedoch noch nicht gänzlich ausmalen.

Nach einer mehr oder weniger geruhsamen Nacht im Bettenlager brachen wir am nächsten Morgen früh auf, um den großen Massen zu entgehen. Nicht lange und wir passierten die deutsch-österreichische Grenze.

Das Wetter hatte sich über nacht nicht wirklich gebessert und auch der Wetterbericht stellte fürs erste keine Besserung in Aussicht. Aber ausgestattet mit Windhemd und dem treuen Schirm konnte uns auch so ein bisschen Regen die Laune nicht verderben.

Der Abstieg nach Holzgau ging dann auch trotz rutschigem und schlammigem Untergrund recht zügig vonstatten.

Und Dank unserer leichten Ausrüstung erreichten wir das Tal auch weit von den anderen Wanderern, die obwohl sie im Gegensatz zu uns weder Zelt noch Schlafsack noch Kocher noch Verpflegung mit sich führten, trotzdem gut das doppelten an Gewicht auf ihren Rücken durch die Gegend schleppten. So ließen wir uns unterwegs auch ausgiebig Zeit um die Natur zu bewundern und mit unserem SticPic zu "spielen", der uns freundlicherweise vom Trekking-Lite-Store zur Verfügung gestellt worden war.


Im Tal erfuhren wir dann eine andere Unart Eigenart des E5. Während wir den Weg zur Memminger Hütte zu Fuß bewältigten, wurden wir mehrfach auf dem Schotterweg von mehreren Kleinbussen eines Taxiunternehmens zur Seite gezwungen überholt, dass die typischen E5-Wanderer bis kurz unterhalb des Zielpunktes der offiziellen Tagesetappe brachte. Vorbei war es mit unserem schönen Vorsprung. Die Wandererlawine hatte uns wieder eingeholt.
Wie wir später erfuhren, sind die meisten Streckenabschnitte des E5, die zu den Zeiten von Hans Schmidt, dem Gründer des E5, durch die Täler führten mittlerweile asphaltiert bzw. gänzlich dem Pendelverkehr diverser Bus- und Taxiunternehmen gewichen. Ganz im Sinne des modernen Wandertourismus werden nur noch die Sahnestücke, d.h. die eigentlichen Gipfelüberquerungen angegangen. Der Rest wird "erfahren". Und wenn man sich anschaut, wie diese geführten Gruppen zusammengesetzt sind kann man sich ernsthaft fragen, warum diese Bergtouristen für die anderen Abschnitte nicht auch noch Sherpas angemietet haben.

(Warum die Bergrettung so viel zu tun hat versteht man schnell angesichts der Tatsache, wie ungeübte und unbedachte Wanderer die Auf- und Abstiege mehr stolpernd und rutschend bewältigen und dabei mehr als eine Steinlawine loslösen. Dabei aber natürlich immer stilecht in die neueste Ausrüstung aus dem Outdoor-Katalog gekleidet.)


Unserem Verständnis von Wandern entspricht das jedoch nicht.
Wie auch immer. Irgendwann kam dann auch die Memminger Hütte in Sicht.

Und zum Abschluß unseres heutigen Tages gaben dann auch noch ein paar Murmeltiere ihr Stelldichein.


Die Memminger Hütte war sogar noch überfüllter als die Kemptener Hütte tags zuvor. Das lag einerseits an der geringeren Kapazität (ca. 150 statt 300 Personen), andererseits aber auch am Wetter, das über Tag erneut angezogen hatte. Da die Nachttemperaturen unter den Gefrierpunkt fallen sollten (und es dann auch schließlich taten) beschlossen wir trotzdem unser Glück in der Hütte zu wagen. Zumal uns der Duft aus der Küche und die Aussicht auf ein leckeres Radler mehr als nur lockte.

Die Nacht, die wir getrennt verbracht hatten (Rike auf einer Sanitätstrage, die ihr als Bett zur Verfügung gestellt wurde und ich auf 2 Matratzen, die ich mit 4 weiteren Männern teilen durfte) ging dann auch recht schnell rum. Noch vor dem ersten Sonnenstrahl ließen wir die Hütte hinter uns und machten uns auf den weiteren Aufstieg. Hatte doch der Wetterbericht für heute gutes Wetter angekündigt. Und das galt es auszunutzen.


Außer einer Hand voll anderer Frühaufsteher waren lediglich schon die Steinböcke auf ihren Beinen.

Langsam stieg auch die Sonne immer höher. Und als wir schließlich die Seescharte überschritten war die vor uns liegende Alpenlandschaft in warmen Sonnenschein getaucht.

Zeit unser Frühstück nachzuholen. Also schnell den Caldera Keg angefeuert, den wir zu Testzwecken freundlicherweise vom Trekking-Lite-Store zur Verfügung gestellt bekommen hatten.


Mittlerweile sammelten sich an der Scharte schon andere Wanderer um den herrlichen Ausblick zu genießen, was uns wiederum dazu animierte den Abstieg zu beginnen.

Vorbei an einsamen Alpenblümchen


und munter plätschernden Bächen

stiegen wir rasch ab

und ließen schon bald die Wanderermassen hinter uns.



Und so erreichten wir auch schon gegen Mittag Zams, das für gewöhnlich das Etappenziel für diesen Abschnitt des E5 darstellt. Zwar waren wir nicht ganz so leicht bepackt wie Carsten, der den E5 lediglich mit einer Umhängetasche gelaufen war, aber auch wir waren leicht genug unterwegs um auch noch den nächsten Etappenabschnitt anzugehen und um damit den Bergschulen endgültig einen Schritt voraus zu sein. So führte uns unser Weg schließlich noch bis zur Galflunalm, wo wir uns über eine heiße Dusche und nicht zuletzt über großartige Käsespätzle und selbst gebackenen Kuchen freuen konnten.