Donnerstag, 26. September 2013

Mountain Hardwear SummitRocket 20 VestPack


Dieses Jahr hat sich für uns im Gegensatz zu den letzten Jahren leider noch nicht die Gelegenheit für eine größere Tour in ferne Gefilde ergeben. Zu Stubenhockern haben wir uns dann aber doch nicht entwickelt. Wir haben die Zeit stattdessen für viele kürzere Touren und Ausflüge genutzt und Neues ausprobiert. Auf der einen Seite stand für uns die Entdeckung der Einfachheit. Keine aufwendigen und komplexen Planungen. Einfach das nächst beste in den Rucksack gepackt und das herrliche Wetter für naturnahe Nächte unterm Tarp genutzt während auf dem Holzkocher schon das Essen brutzelt. 

Sozusagen "back to the roots". Andererseits waren wir viel mit dem Rad unterwegs, haben das Longboard als Transportmittel mit Funfactor entdeckt oder hatten schlicht unseren Tagestouren einen sportlicheren Charakter verliehen.


Gerade bei letzterem waren unsere üblichen Begleiter schlicht unterfordert. Mit rund 30 Litern waren unsere Packs schlicht zu groß für die wenigen Kleinigkeiten die wir dabei hatten. Insbesondere wenn es mal was flotter zur Sache ging war dies spührbar. Wer einmal versucht hat eine hüpfende Wasserflasche auf dem Rücken zu tragen, weiss wovon ich rede.
Im Trailrunningbereich sind ja seit einiger Zeit Laufwesten recht populär, da diese einen deutlich besseren Sitz wie zwei simple Rucksackriemen versprechen. In der Regel sind diese Westen aber von der Ausstattung und dem Volumen her aber auch so speziell für den Trailrunningbereich ausgelegt, dass man sie kaum für etwas anderes nutzen kann. Auf dem Heimweg eben noch schnell einkaufen? Keine Chance!

Mountain Hardwear hat das Westenkonzept daher versucht auch in andere Bereiche zu übertragen. Unschwer erkennt man, dass der Spitzenathlet und Bergsteiger Uli Steck auch hier seine Finger im Spiel hatte. Der Mountain Hardwear SummitRocket 20 VestPack (was für ein Name) wird als "federleichter Westen-Rucksack für Speedbergsteiger" beschrieben, der als "ein neues Konzept superleichter, die Bewegung nicht einschränkender Alpinrucksäcke den Komfort einer Laufweste mit dem Volumen eines Bergsteigerrucksacks" verbindet. Er soll den Zugriff auf die wichtigsten Sachen erlauben ohne den Rucksack absetzen zu müssen. Eine "On-The-Fly" Kompression (das ist neudeutsch für "kann auch in der Bewegung justiert werden") soll dabei den Pack bei der Bewegung nah am Rücken halten und ein Rumhüpfen des Gepäcks verhindern. Klingt ja toll. Ob das damit der Rucksack ist, der für meine Ansprüche gemacht ist? Freundlicherweise haben mir die Bergfreunde um genau das zu prüfen einen SummitRocket VestPack zur Verfügung gestellt.

Gut, ich muss eingestehen, dass ich zwar direkt ein Mittelgebirge vor der Nase habe, aber für einen Rucksack der speziell für Speedbergsteiger konzipiert wurde, dieses Testgelände dennoch etwas zu flach ist. Wie er sich damit in seinem eigentlichen Einsatzgebiet schlägt kann ich daher leider nicht beurteilen. Gerade mit hochspezialisierten Ausrüstungsteilen wirkt es meiner Meinung nach immer etwas unfair, wenn sie außerhalb ihres Elements getestet werden und dann evtl. Erwartungen nicht erfüllen können. Niemand würde wohl ein teures Carbon-Rennrad für einen Alpencross auf ausgesetzten Singletrails nutzen um sich dann über das Rad zu beschweren. Ich hab mich dennoch daran gesetzt und den Pack seit Anfang des Jahres auf Herz und Nieren geprüft und werde im Folgenden mal meine Eindrücke wiedergeben, die ich von ihm als Multi-Sport-Rucksack gewonnen habe.
 
Fertig gepackt für eine flotte Wochenendtour
(gut zu sehen die On-The-Fly Kompression)
Der Rucksack ist aus einem 100D HT Ripstop Dobby Nylon gefertigt das sich auf den ersten Blick zwar recht dünn, aber fest und geschmeidig anfühlt. Auf der Außenseite sind Verstärkungen aus Hardwear X-Ply Ripstop (eine Art X-Pac-Gewebe mit dem wir ja bereits bei unseren Laufbursche Rucksäcken positive Erfahrungen gesammelt haben) angebracht auf denen sich Schlaufen zur Aufnahme von Eisgerät oder Trekkingstöcken befinden. Außer diesen gibt es keine weiteren Befestigungsmöglichkeiten oder Taschen auf der Außenseite. Um z.B. eine nasse Zeltplane oder Jacke unterzubringen kann man sich aber mit etwas nachträglich angebrachtem Elastikband aushelfen.
Der Zugriff auf das Hauptfach und damit auch auf das einzige Fach im Korpus des Packs, erfolgt über einen umlaufenden Reißverschluss im Deckel. Die einzige Ausstattung auf der Innenseite ist eine robuste Klettschlaufe, die dazu genutzt werden kann, ein Trinksystem in den Pack zu hängen. Eine extra Tasche für ein Trinksystem gibt es nicht. Minimalismus pur. Ein Schlauch kann entweder durch eine dafür vorgesehene Öffnung am Rücken des Packs geführt werden oder einfach durch den Deckelreißverschluss.
An den Seiten des Packs gibt es eine einfache Kompressionsmöglichkeit, deren Riemen aber zur weiteren Gewichtsreduktion auch entfernt werden können.

Der Rücken des Packs ferfügt über eine rudimentäre Schaumstoffpolsterung, die zwar verhindert, dass sich keine Sachen durchdrücken, den Pack aber auch nicht versteifen. Eine paar Konturen in der mit weichem Stoff überzogenen Polsterung sollen vermutlich den seitlichen Luftaustausch begünstigen und so für einen trockeneren Rücken sorgen.
Die wesentliche Besonderheit des Rucksacks ist wohl das Westendesign der Schultergurte. Diese sind am oberen Ende des Rucksacks wie sonst auch bei normalen Schultergurten festgenäht. Das untere Ende wird jedoch nicht wie sonst üblich durch ein Gurtband mit dem Rückenteil des Rucksackkorpus verbunden. Hier kommt die erwähnte "On-The-Fly" Kompression ins Spiel. Ein Gurtband, das im unteren Drittel auf der Frontkante des Packs fixiert ist verläuft zunächst lose durch eine Öse am Ende der Schultergurte und dann zurück zur Frontkante des Packs wo es mittels einer Leiterschnalle in der Länge justiert werden kann. Dies sorgt dafür, dass man durch einen Zug am freien Ende des Gurtbandes nicht nur die Schultergurte in der Länge justiert, sondern zudem gleichzeitig das Rucksackvolumen an seinen Inhalt anpassen kann. Das ist insofern praktisch, wenn man z.B. eine Trinblase nutzt und diese mit steigendem Wasserverbrauch nach und nach weniger Volumen im Rucksack beansprucht.


Das Tragesystem unterscheidet sich aber auch in einem anderen Punkt grundsätzlich von dem anderer Rucksäcke. Das ist eben das besagte Westendesign. Die Schultergurte umschließen dabei ähnlich einer Weste einen Großteil des Brustbereichs des Trägers. Die Front wird dabei durch zwei parallel verlaufende Brustgurte geschlossen und stabilisiert. Die Brustgurte sind durch einfache Knebel in der Höhe verstellbar. Auf einen Hüftgurt wird zugunsten einer besseren Beweglichkeit in der Hüfte komplett verzichtet.
Inwieweit dieses Tragesystem auch für Frauen funktioniert mag ich nicht zu beurteilen. Rike empfand ihn als z.B. als unbequem. Bei den Recherchen zu dem Pack hab ich aber durchaus auch Bilder von Sportlerinnen gesehen, die damit scheinbar gut zurechtkommen. Hängt also wohl stark vom individuellen Körperbau ab und ist damit nicht unbedingt für jede was.
Auf den Schultergurten befinden sich vier verschiedene Taschen. Auf der rechten Seite des Trägers gibt es eine großzügige Tasche aus Strechtstoff mit Cord-Lock Verschluss. Sie ist groß genug um eine handelsübliche 0,75L Sportflasche unterzubringen. In der Praxis bieten sich aber kleinere, halbliter Flaschen besser an. Alternativ fast die Tasche aber auch Handschuhe, Mütze, etc. Der Verschluss ist übrigens sehr clever konstruiert und lässt sich im Gegensatz zu anderen Cord-Lock-Verschlüssen sowohl einhändig öffnen wie schließen!
Auf der anderen Seite hat der Träger eine ähnlich große Tasche aus Strechtgewebe, die jedoch mit einem Reißverschluss geschlossen wird. Hier findet problemlos z.B. ein iPhone inkl. Hülle Platz oder natürlich auch mehrere Müsliriegel oder Energiegels, Taschentücher etc..
Über diesen beiden Taschen befindet sich jeweils eine kleinere aus Strechstoff. Rechts mit einem senkrechten Reißverschluss, links mit einem kleinen Klettdeckel. Anfänglich war ich etwas skeptisch ob der minimalen Größe dieser beiden Taschen. Mehr als ein Schlüssel oder ein paar Elektrolyte würden da wohl nicht rein passen. In der Praxis konnte ich dann aber doch meinen Kompass, ein Taschenmesserchen, Ersatzbatterien für meine Stirnlampe, Ipod mit Kopfhörern und andere ähnliche Kleinigkeiten dort zugriffbereit unterbringen.  Keine der Taschen ist wasserdicht. Auf beiden Seiten der Schultergurte gibt es oberhalb die Möglichkeit einen Trinkschlauch zufixieren.

Wie hat sich der SummitRocket 20 VestPack nun bei mir in der Praxis geschlagen?
Um ehrlich zu sein hat er sich in den vergangenen Monaten nicht zu meinem Go-To-Pack entwickelt. Dafür ist er einfach dann doch zu speziell. Gerade wenn man öfter auf den Inhalt des Hauptfachs zugreifen möchte (im Alltag, beim Sammeln von Kleinigkeiten im Wald, etc.) lässt sich ein einfacher, simpler Rucksack einfach mal flotter absetzen und öffnen. Beim VestPack muss man jedesmal um die Weste aus- oder wieder anzuziehen zwei Brustgurte öffnen bzw. schließen damit der Pack vernünftig sitzt. Mit offenen Brustgurten fühlt er sich einfach irgendwie nicht richtig an. Für Leute, die auch sonst bei jeder Gelegenheit mit geschlossenem Brust und Hüftgurt unterwegs sind, mag dies keine große Umstellung sein. Ich verzichte bei meinen anderen Rucksäcken aber sonst komplett auf Hüft und Brustgurte, was meinen Eindruck zum VestPack evtl. erklärt. Andererseits ist er ja aber auch nicht zum Schlendern in Wald gedacht bei dem man seinen Rucksack lässig über eine Schulter spazieren trägt.


Immer wenn es etwas flotter zur Sache ging war der VestPack dann aber auch voll in seinem Element. Egal ob beim Laufen oder bei längeren Touren auf dem Longboard, der Pack saß einfach wie angegossen. Das Westendesign schmiegte sich dabei schlicht um den Oberkörper ohne irgendwie einengend zu wirken. Auch das Gepäck im Hauptfach behielt immer seine Position ohne zu wackeln. Selbst eine volle 3 Liter Trinkblase im Hauptfach fiel nicht störend auf. Der Schwerpunkt ließ sich immer schön nah an den Körper bringen und die Taschen auf der Frontseite ermöglichten einen sicheren und unkomplizierten Zugriff auch in voller Bewegung. Der Rücken blieb zwar wie bei einem so eng anliegenden Pack wie zu erwarten nicht trocken, fühlte sich aber aufgrund des Polsterung und des verwendeten Materials auch nicht wirklich unangenehm nass an. Da auch meine sonstigen Rucksäcke komplett auf eine Rückenbelüftung oder gar eine Polsterung verzichten, mag mein Empfinden subjektiv besser gewesen sein, wie bei anderen Trägern. Ich fand aber, dass die Rückenkostruktion ein guter Kompromiss zwischen Klimakomfort und körpernahem Sitz ermöglicht.

Zelt, Quilt, Isomatte, Kocher, Verpflegung und Wetterschutzkleidung; alles passt rein! 

Der Pack ist mit 20 Liter an Volumen angegeben und auch wenn ich ihn nicht selber ausgelitert habe, so fast er doch dank eines günstigen Schnitts einen beachtlichen Teil an Ausrüstung. Mit etwas Umsicht passt hier alles für einen Overnighter oder ein Biwak rein. Wer auf das Übernachten im Freien komplett verzichtet braucht vom Volumen selbst für eine längere Tour wirklich nicht mehr. Der Zugriff auf das Hauptfach ist dabei groß genug um auch mal einen Helm drin unterzubringen. (Da merkt man halt doch, dass er aus dem Bergsport kommt)
Lediglich auf der Frontseite hätte ich mir manchmal zwei dieser Trinkflaschentaschen gewünscht, statt eine Trinkflaschentasche und eine Reißverschlusstasche. In der Trinklfaschentasche lassen sich halt auch Smartphone oder Riegel unterbringen. Umgekehrt in der Reißverschlusstasche aber keine Trinkflasche. (Für den Fall, dass man zwei Flaschen mitnehmen möchte, z.B. wenn man auf ein Trinksystem verzichtet)

Seine Stärke hat der Rucksack für mich beim Radfahren gezeigt. Ich würde sogar soweit gehen und ihn als idealen Radrucksack bezeichnen! Für längere Touren hat man die Möglichkeit seine Wasservorräte in einer Trinkblase mitzuführen, die im Rucksack immer perfekt gegen Wackeln und Hüpfen transportiert werden kann. Auf der Frontseite kann man dann Snacks griffbereit für unterwegs mit sich führen oder auch eine kleinere Trinkflasche mit Saft oder Elekrolyten. Dabei liegt der Pack deutlich sicherer am Träger an, wie ich das von sonstigen Bike-Rucksäcken her kenne.

Das Material des Rucksacks hat sich trotz seiner dünnen Haptik als ausgesprochen robust herausgestellt. Vermutlich ist das auch zum Teil seiner recht glatten und geschmeidigen Oberfläche geschuldet, die möglichen Abrieb schlicht reduziert, da sie einfach nirgendwo hängen bleibt. Wenn man bedenkt, für was für Aktionen der Pack konstruiert wurde, darf man aber auch nichts anderes erwarten.

Etwas mehr Aufmerksamkeit hätte Mountain Hardwear lediglich der seitlichen Kompression zukommen lassen. Grundsätzlich nicht schlecht gemacht, wirkt sie durch das breite und schwere Gurtband etwas überdimensioniert. Vermutlich hat Mountain Hardwear damit gerechnet, dass Alpinisten dort noch zusätzliche Ausrüstung verstauen würden. Der wesentliche Mangel besteht aber aus meiner Sicht darin, dass die Kompression lediglich über drei recht weit auseinander liegende Punkte erfolgt. Das sorgt dafür, dass sich der Pack nur bis zu einer gewissen Grenze sinnvoll komprimieren lässt. Plant man z.B. den Pack nur als Trinksystem zu nutzen, lässt sich das Volumen nicht ausreichend reduzieren um eine Trinkblase zu stabilisieren. Ein oder zwei zusätzliche Kompressionspunkte an der Seite würden dieses Problem umgehen. Meiner Meinung nach liegt das minimal sinnvolle Volumen bei dem man noch die Kompression voll nutzen kann bei etwas weniger wie der Hälfte des Maximalvolumens.

spezielle Rucksäcke erfordern spezielles Testgelände ;-)

Nachdem ich den Rucksack jetzt seit anfang des Jahres ordentlich durchgenudelt habe bin ich alles in allem mit dem SummitRocket 20 VestPack für sportliche Aktivitäten sehr zu frieden, auch wenn er sich bei mir nicht als Allroundrucksack für jede Gelegenheit etabliert hat. Dafür ist er mir einfach dann doch etwas zu speziell. Wer aber noch einen zuverlässigen und wirklich gut sitzenden Rucksack in der 20 Literklasse sucht und den es nicht stört immer mit geschlossenem Brustgurt rum zulaufen, der sollte hier unbedingt mal einen Blick riskieren. Für sportliche Aktivitäten, bzw. wenn ein guter Sitz des Packs Priorität hat, ist er zumindest für mich erste Wahl.