Samstag, 26. April 2014

Treibjagd im Wald

Wenn ich draußen unterwegs bin, beobachte ich immer öfter ein zunehmend fragwürdigeres Verhalten anderer Leute die sich dort draußen unter dem Deckmantel der Naturverbundenheit herumtollen. Mit modernsten Vorrichtungen ausgerüstet versuchen sie das letzte bißchen Natur dort draußen einzufangen um zu hause ihre Trophäen mit ihren Freunden und Bekannten zu teilen. Die Netze, die bei dieser besonderen Art Treibjagd verwendet werden sind zwar einerseits so fein und kaum wahrzunehmen aber zugleich nahezu unmöglich sich aus diesen wieder zu entwinden. Dabei sind es sogar oft die Jäger selbst, die in diese Netze geraten. Vermutlich macht gerade dies den besonderen Reiz aus den man bei dieser Jagd empfindet. Nicht zuletzt sind es aber wohl auch die positiven Rückmeldungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis die man durch seine möglichst detailliert festgehaltenen Jagderlebnisse und stolz vorgeführten Trophäen bekommt.
Ich muss eingestehen, dass ich auch eine ganze Weile von diesem Hobby angetan war und mich der Anziehung die dieses ausübt nicht gänzlich entziehen konnte. Mittlerweile habe ich aber angefangen diesen "Sport" zu hinterfragen und stehe dem mehr und mehr kritisch gegenüber. Für mich wirkt es zusehends deplatziert. Und dass diese Art der Freizeitbeschäftigung zusehends als normal oder sogar als einziger Grund sich draußen zu bewegen angenommen wird, ist zutiefst verstörend.


Die Rede ist hier natürlich nicht von einer klassischen Jagd im eigentlichen Sinne. (Dass ich diese oft sehr fadenscheinig begründeten, und vor dem Deckmantel der Tradition ausgelebten niederen Triebe mehr als ablehnend gegenüber stehe soll an dieser Stelle genug dazu sein.) Mir geht es um die zunehmende Abhängigkeit von digitalen Medien und elektronischem Gerät im Outdoorbereich. Es wird versucht jeden kleinsten Moment einzufangen. Und ist man wieder zu Hause, geht der Weg gleich zum PC wo man seine digitale Beute ausnimmt und präpariert um im Anschluss Trophäen wie zurückgelegte Distanz, die Höhe, die Geschwindigkeit oder sogar den Puls mit seinen "Freunden" oder "Followern" zu teilen. Ähnlich wie bei einer "echten" Trophäe bleibt von dem Ursprünglichen, dem Lebendigen nichts übrig. Die Technik wird zwar immer ausgereifter und die Details die erfasst werden immer genauer, aber auch das mag das Erlebte nicht ansatzweise wiederzugeben. Da nützt es auch nichts, dass man mittlerweile schon von unterwegs andere live an seiner "Jagd" dran teilhaben lassen kann.
Juhu! Noch eine mehr für die Statistik!

Wie bei einer richtigen Jagd fokusiert man sich zusehends auf das Ziel "Beute" zu machen und blendet mehr und mehr das Große Ganze aus, was die Natur um uns herum ausmacht.
Ja, auch ich war lange Zeit so ein "Jäger" und bei mir liegt noch das ein oder andere alte "Netz" im Schrank.
Ich habe Geocaches gesucht und gedacht, das würde mir häufigere und intensivere Naturerlebnisse bescheren. Stattdessen habe ich die Umwelt ausgeblendet und meinen Blick nur auf kleine Plastikdosen beschränkt.
Ich bin mit Pulsgurt und GPS durch den Wald gehetzt weil ich dachte, ich könnte so erkennen wie fit ich sei. Stattdessen machte ich mich so abhängig von einem Mikrochip und beim Laufen hab ich mehr auf das PiepPiep meiner Uhr als auf meinen ureigenen Vitalsinn geachtet.
Ich hab mich durch Apps und GPS-Tracks durch den Wald und die Berge führen lassen weil ich dachte, ich könnte so von der Notwendigkeit befreit eine Karte zu nutzen, meinen Blick frei in die Umgebung richten. Stattdessen blieb mein Auge immer auf einem kleinen, beleuchteten Display kleben.
Wenn ich im Freien über etwas Sehenswertes gestolpert bin, wurde das gleich mit dem Smartphone festgehalten und geteilt. Anstatt, dass ich den Moment einfach genossen hab, habe ich ihn vergeudet indem ich darauf gewartet habe, welchen Kommentar mein Post wohl bewirkt.

"Hast Du hier Netz?"

Die Technik wird immer ausgereifter. Und es ist nicht mehr zuletzt die Jagd jedes einzelnen seine Erlebnisse möglichst detailliert einzufangen, die mich irritiert. Ohne es zu merken machen jetzt die Hersteller selber Jagd auf die Daten und damit das Leben ihrer Kunden. Egal ob Pulsgurt, Schrittmesser, GPS oder den immer präsenteren Fitnesstrackern in Armbandform, kaum eines dieser Geräte das keine Anbindung ans Smartphone und an diverse "soziale" Netzwerke mitbringt. Mittlerweile ist es sogar fast Standard und damit unmöglich so ein Gerät überhaupt zu aktivieren und zu nutzen, ohne das man es zunächst mit irgend einer online-Community verbindet! Wo bleibt die Möglichkeit selber darüber zu bestimmen, für was und wie man ein Gerät einsetzt, für das man immerhin einiges an Geld bezahlt hat? Wer würde bitte eine Kaffeemaschine kaufen, die man zuerst im Internet registrieren muss und bei der man dem Hersteller sein Alter, sein Geschlecht, sein Gewicht und am besten noch seine Hobbys mitteilt, bevor man eine Tasse Kaffee damit zubereiten kann? (Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass es nicht mehr lange dauert bis genau das passiert, mit der Begründung, dass man seine empfohlene Tagesdosis Koffein nicht überschreitet! Oh, hoppla! Es gibt ja bereits Küchengeräte die am Internet hängen...)

Ach die schöne, neue Welt... Aber ich schweife ab.
Ich möchte hiermit ausdrücklich nicht pauschal jedes elektronische Gerät, das man mit sich führt, verteufeln. Vielmehr geht es mir um den bewussten Umgang damit. Es spricht natürlich nichts dagegen, einen Pulsgurt zu nutzen, um sich mal einen objektiveren Überblick über seine Trainingsleistung zu verschaffen. Und natürlich soll man auch mal ein Foto für die Freunde daheim schießen. Auch ein GPS (also ein System das ursprünglich nur eine militärische Anwendung im Sinn hatte!) mag manchmal hilfreich sein. Wenn man die Benutzung solcher Elektronik aber als alternativlos ansieht und nicht hinterfragt, sollte mal überdenken wie Outdoor und Sport noch vor 10-15 Jahren ohne sie möglich war!
Mein Tip an Euch fürs nächste Mal: Lasst Eure technischen Spielereien doch einfach mal zu hause! Packt Karte und evtl. einen Kompass ein. Lasst einfach mal was Unerwartetes zu. Verstaut euer Handy ruhig ganz unten im Rucksack. Dann habt ihr es immer noch für den unwahrscheinlichen Fall dabei, dass ihr im heimischen Stadtwald die Bergrettung rufen müsst. Und wenn ihr merkt, dass es Euch ganz unangenehm in den Fingern juckt weil ihr grade mal Eure Nachrichten checken wollt, dann merkt ihr vielleicht selber, dass ihr Euch in einem Netz verheddert habt.
Und wenn ihr merkt, dass es auch ganz gut ohne geht, könnt ihr beim nächsten mal bewusster darüber entscheiden, ob ihr immer verkabelt rumlauft oder ob es ohne nicht auch einen gewissen Reiz besitzt.

(Und Ich? Ich versuche in der Zwischenzeit mal selber mich weiter aus dem Netz zu befreien...)

Kommentare:

  1. Verstehe ich auch irgendwie nicht. Ich kann die Zeit in der Natur zum Glück genießen, ohne permanent irgendwelche Updates in irgendwelche Dienste zu senden. Das mache ich immer lieber nach dem Urlaub, wenn ich wieder zu Hause bin. Nur zwei Tage in der Eifel zählen da für mich auch als Urlaub.
    Das Handy wird meistens im Flugmodus in den Rucksack gesteckt, auf ein GPS will ich trotzdem irgendwie nicht mehr verzichten. Das steckt aber meistens auch irgendwo hinten am Rucksack.
    Auch Fotos veröffentliche ich eigentlich lieber im Nachhinein, in aller Ruhe. Natur war für mich eigentlich immer schon Natur. Da hatte ein Internet nicht so viel zu suchen..

    AntwortenLöschen
  2. Aber sag jetzt bitte nicht, du benutzt Social Hiking auch nicht mehr?!?


    Ich bin ja auch einer von denen, die unterwegs das Smartphone nutzen. Ich persönlich finde es nützlich, weil es viele Funktionen in nur ein Gerät vereint. Ich bin aber auch sehr technikaffin und finde die technischen Neuentwicklungen und Möglichkeiten schon sehr spannend. Aber trotzdem habe auch ich keine Lust es zu übertreiben. Daher benutze ich gerne Social Hiking zum aufzeichnen der Tour, weil ich mich danach um nichts mehr kümmern muss. Und die von Social Hiking aufgezeichneten Daten reichen mir. Und gerade da sehe ich auch den Vorteil von der neuen Technik, wie sie z.B. in Fitness-Armbändern zum Einsatz kommt. Die Dinger zeichnen die Daten auf und diese werden sofort online gespeichert und ausgewertet. Das manuelle übertragen und auswerten entfällt. Und was man damit macht und ob man diese öffentlich teilt, kann ja jeder selbst entscheiden.


    Ich gebe dir aber recht. Die Outdooraktivitäten und das was sie ausmachen, sollten immer Vordergrund stehen. Nämlich Ausgleich, Entspannung, Ruhe und das Naturerlebnis. Beeinflussung von außen, z.B. durch ein Anruf, eine neue E-Mail oder sms können dies schon empfindlich stören. Aber wie bei allem: Jeder kann und muss selbst entscheiden, ob er das zulässt und wie intensiv er die Technik unterwegs nutzt. Dein Artikel reget jedenfalls dazu an, darüber nach zu denken! Auch bei mir.

    AntwortenLöschen
  3. Basti, Du sprichst mir aus der Seele. Mir geht vor allem das ständige Photographieren im Höher-Schneller-Weiter-Modus gehörig auf die Nerven. Eine Tour wird schon gar nicht mehr danach bewertet, wie sie einem selber gefallen hat, sondern danach, ob es auch tolle und möglichst spektakuläre Photos - sprich Trophäen - gibt.
    Ich selbst bin exzessiver GPS-Benutzer, was aber an der Länge meiner Touren liegt. Ich kann einfach aus Kosten- und Gewichtsgründen nicht für tausende von Kilometern Karten rumschleppen. Dennoch bin ich noch nie auf die Idee gekommen, eine Tour aufzuzeichnen und nachträglich auszuwerten. Mir reicht schon der Aufwand beim Erstellen der Route...

    AntwortenLöschen
  4. Es scheint in letzter Zeit wieder angesagt zu sein auf die vergötterte Technik zu schimpfen.
    Ich glaube die Technik fungiert auch als Sicherheitsleine und wird deshalb von vielen so umfangreich genutzt.
    Ich habe außerdem den Eindruck das Wandern häufig als Statussymbol/Fitnessbeweis genutzt (missbraucht) wird, vor allem von Einsteigern. Man kann seinen Freunden nicht begreiflich machen was man geleistet hat, wenn man es nicht dokumentiert.
    Davon abgesehen schwindet für mich auch ein Hauptaspekt des Wanderns.
    Die umfangreiche Reflexion seiner Selbst in der Situation (räumlicher und zeitlicher Moment) wird meiner Meinung nach durch die Technik verdrängt und ich finde das schade. Vergleichbares Beispiel: die Leute die mit der Handycam beim Konzert in der ersten Reihe stehen und nicht angerempelt werden wollen und dabei zerstören Sie für alle das Erlebnis.

    AntwortenLöschen
  5. Hi Jens,
    Nein, den Film hab ich bisher noch nicht gesehen. Werd ich wohl mal an der Videothek vorbeispazieren müssen...

    AntwortenLöschen
  6. Hallo Martin,
    Ich glaube, dass es nicht unbedingt die Technik an sich ist, sondern wie Du so schön sagst, die "vergötterte" Technik. D.h. der mehr oder weniger reflektierte Umgang damit ist entscheidend. Wenn man sich gar nicht mehr davon lösen kann bzw. den Moment dadurch verpasst, ist das nicht nur schade, sondern auch irgendwo bedenklich. Ein gesundes Verhältnis im Umgang damit finde ich einfach sehr wichtig. Dann kann man sich auch zu hause bem Durchblättern der Fotoalben freuen "Weißt Du noch letztes Jahr...".

    AntwortenLöschen
  7. Hi Jens,
    Ich muss gestehen, dass ich tatsächlich Social Hiking schon länger nicht mehr aktiv genutzt habe. Für manche ausgewählten Aktivitäten, würde ich wohl auch wieder drauf zurückgreifen. (solange es mich nicht vom Genuss der Tour an sich abhält) Also z.B. bei sowas wie einer 24h Wanderung, einem Spendenlauf oder einem Event wie der TGO in Schottland. Da glänzt so eine Plattform wie SH einfach.
    Bin ja eigentlich auch eher neugierig, wenn es um neue Gimmicks geht. Ich sehe halt den unreflektierten Umgang mit solchen neuen Spielereien als fragwürdig an. Gerade wenn sie so einfach und bequem funktionieren wie Fitnesstracker. Man muss quasi nix einstellen und erhält gleich eine direkte Rückmeldung wie aktiv man ist. Bedenklich ist dabei noch nicht mal ob man die Daten dann öffentlich macht. So oder so sind sie erstmal im Netz und was das jeweilige Unternehmen dann daraus macht, kann man nur schwer überprüfen oder kontrollieren. (Man braucht einfach nur mal im Netz nach "Wert Gesundheitsdaten" zu suchen um sich zu vergewissern wie verlockend eine Auswertung solcher Daten für ein Unternehmen sein kann!)

    AntwortenLöschen
  8. Ich finde schon, dass Reiseberichte auch gerade mit Bildern eine gewisse Inspiration oder auch Informationsquelle für andere darstellen können. Das war auch mitunter ein Grund für mich diesen Blog zu starten, weil ich so viel Ideen durch andere bekommen habe, und mich auf diese Weise revanchieren wollte. Man sollte sich nur, wie Du selber festgestellt hast, vorher gründlich überlegen, was man da für alle Zeit ins Netz stellt. Daher landet auch nicht jedes Erlebnis und jede meiner Touren hier im Blog. (was in letzter Zeit dann leider auch zu einer kleinen Flaute an Artikeln hier geführt hat)

    AntwortenLöschen
  9. Hi Christine.


    Du hast ja auf deinem Blog schon gut deine Ansicht zum Fotographieren dargestellt. Ein GPS hat halt durchaus seine Berechtigung. In deinem Fall kann man den Mehrnutzen gegenüber Karten oder anderen Mitteln sogar sehr leicht nachvollziehen. Zumindest mir erscheint es aber oft so, dass GPS Geräte (wie auch anderer technischer Kram) heutzutage als einzige Möglichkeit dargestellt werden sich draußen zu orientieren. Ganz stark aufgefallen ist mir das, als sich im Bekanntenkreis jemand für seine Sapziergänge!!! nach einem GPS umgehört hat.

    AntwortenLöschen