Donnerstag, 5. Juni 2014

Unten ohne macht mich glücklich - Auf den Traildays in Garmisch


Von Draußen klatscht der Regen gegen die Scheibe. Hier drinnen ist es trocken und das Vibrieren des Motors sorgt trotz der bequemen Sitze für eine gewisse Unruhe. Es ist Freitag morgen und ich befinde mich im Fernbus auf dem Weg nach Garmisch-Partenkirchen zu den Traildays. Die Traildays... das ist ein Projekt das von Robert Pollhammer, einem erfahrenen Trail-  und Ultramarathonläufer ins Leben gerufen wurde. Jedes Jahr treffen sich ein paar Verrückte zu einem Wochenende am Fuß der Zugspitze um sich auszutauschen, neueste Ausrüstung zu begutachten, sich in Workshops den ein oder anderen Kniff abzugucken und nicht zu letzt: um zu laufen! Und dieses Jahr bin ich mit dabei um durch die Berge zu wetzen! Zwar bin ich diesmal leider ohne Rike unterwegs und zeitlich passt es bei mir auch nur für einen einzigen Tag, aber den wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Aber was treibt mich dazu zwei ganze Tage quer durch Deutschland zu fahren nur um an einem Tag mit ein paar Leuten laufen zu gehen?

treue Begleiter seit vielen hundert Kilometern

Es begann alles vor ein paar Jahren...
Ich war schon immer recht aktiv und auch körperlich ziemlich fit, habe aber eigentlich nie gezielt einen Ausdauersport verfolgt.
Ich war grade Mitte zwanzig als ich mir eine Rückenverletzung zuzog. Ein Blick mit dem MRT und die Ärzte waren recht zuversichtlich, dass ich nie wieder irgendeinen Sport machen könnte. Aber man muss ja nicht alles glauben was einem jemand sagt...
Etwa zur selben Zeit hatte ich ein kleines Buch in die Finger bekommen das sich Trekking Ultraleicht nannte. War es für mich Anfangs nur eine weitere interessante Outdoor-Lektüre, erkannte ich, dass die Reduktion meines Ausrüstungsgewichtes der einzige Weg währe, wie ich weiterhin meinem Hobby nachgehen könnte. Große Lasten schleppen war mit meinem Rücken einfach nicht mehr möglich. Ich stöberte im Netz, verschlang ein Buch nach dem anderen zu diesem Thema, fing an hier etwas wegzulassen und da etwas zu reduzieren. Das Resultat davon zeigt sich in den Tourenberichten hier in diesem Blog. Aber bei dieser ganzen Grammzählerei geschah noch etwas anderes. Ich fing an Dinge zu hinterfragen! Braucht es wirklich einen Hüftgurt und ein schweres Innengestell in einem Rucksack? Wieso wird mir das ganze schwere und teure Zeug empfohlen, wenn man viele Dinge aus Alltagsmaterialien deutlich leichter und preisgünstiger improvisieren kann? Wozu schwere, und steife Stiefel, wenn man mit leichten Trailschuhen deutlich trittsicherer und schneller unterwegs ist?
Und irgendwann beäugte ich nicht nur die Empfehlungen der Outdoorindustrie kritisch, sondern fing an auch in anderen Bereichen nachzuhaken. Was, wenn die Ärzte falsch lagen? Die Behandlungen die mir verschrieben worden waren, die Schuhe, Einlagen und Medikamente hatten meinen Zustand nicht wesentlich verbessert. Was, wenn nicht mehr künstliche Unterstützung, sondern weniger davon die Antwort währe? So wie es schon bei meiner Trekkingausrüstung der Fall gewesen ist?
Ich began nachzuforschen. Und ich war scheinbar nicht der erste, dem es ähnlich erging wie mir...

Ich könnte jetzt hier ins Detail gehen und meine Geschichte würde sich wohl ähnlich lesen wie die von Christopher McDougal, wenn auch mit Sicherheit nicht so abenteuerlich und unterhaltsam. Nach einer längeren Odyssee war es am Ende genau der Sport der mir nicht mehr möglich sein sollte, der mich heute antreibt! Meine Denkweise als Ultraleichtwanderer bestehendes Wissen zu hinterfragen, scheinbar gegensätzliche Ansätze zu verfolgen und die Erkenntnis, dass weniger oft mehr ist, hat mich in die richtige Richtung gelenkt.
Wie auch beim Ultraleichtwandern war es nicht einfach mit einem Gang ins nächste Geschäft getan. Zuerst musste die "Schere im Kopf" angesetzt werden. Ich musste alte Gewohnheiten ablegen, komplett neue Bewegungsabläufe erlernen und ständig an meiner Technik arbeiten. Keine Veränderung die über Nacht eintrat, sondern etwas an dem ich lange gearbeitet habe.

als laufende Banane bei einem 10k

Mittlerweile bin ich überzeugter Minimalschuhträger und Barefootrunner. Ich kann mir schlichtweg nichts anderes mehr vorstellen! Das Feedback was mir meine Füße beim Laufen vermitteln ist ein Erlebnis für sich. Selbst im Winter scheu ich mich davor allzu steife, dicke und schwere Schuhe anzuziehen, da ich mir so eine ganze Sinneswelt vorenthalten würde.
 An den Füßen hab ich auch im Gelände meist nichts anderes mehr wie meine Luna Sandalen. Irgendwie spiegeln sie für mich das wieder, was ich in den letzten Jahren erfahren habe. Es ist ein absolut minimalistisches und doch seit Jahrtausenden bewährtes Design. Sie haben keine agressiven Stollen, keine Dämpfung, keinen Zehenschutz. Sie kommen ohne diesen ganzen Firlefanz aus. Wenn ich mit ihnen laufe ist das Einzige was mich vor Verletzungen bewahrt ein achtsames Zusammenspiel von mir mit meiner Umgebung. Jeder Tritt erfordert Präzision. Keine überflüssige Bewegung. Jeder Schritt ist auf Effizienz und maximale Kontrolle ausgerichtet. Nichts geschieht unbedacht. Und doch ist es gerade diese volle Konzentration auf jede Kleinigkeit, jedes Detail, das mich in den Moment eintauchen lässt. Beim Laufen habe ich mehr und mehr das Gefühl mit dem Gelände zu verschmelzen.


 "Wenn Du auf der Erde läufst und mit der Erde läufst, dann kannst Du ewig laufen!"
 Spruch der Tarahumara-Indianer


Und so flitze ich für gewöhnlich lieber abseits von Asphalt und anderen Läufern durch die heimischen Wälder. Bisher war es mir nie wichtig "meine Zeit" zu kennen oder sogar gezielt daran zu arbeiten. Allerdings bin ich mittlerweile vom Kopf her soweit, dass ich in Zukunft vielleicht doch mal irgend so ein "richtiges" Rennen mitmachen würde. (Der Copper Canyon ist leider ein paar Flugstunden zu weit weg)
Und da tauchten die Traildays auf meinem Schirm auf. Kein Rennen im eigentlichen Sinne, sondern gemeinsame Läufe in anspruchsvollem Gelände mit ein paar Gleichgesinnten. Sozusagen ein Woodstock für Läufer. (Sind Trailrunner nicht eh die Punks und Hippys der Läuferszene?)
Und so sitze ich nun im Bus und bin doch ein wenig unruhig was mich da erwarten wird.

Luna-Monkeys united

Es ist Samstag morgen. Meine Unterkunft liegt knapp 5 Kilometer außerhalb und so starte ich den Weg zum Veranstaltungsgelände gleich mit einem gemütlichen Lauf. Ich bin einer der ersten an diesem Tag, doch nach und nach tauchen mehr und mehr Läufer auf. Auch ein paar alte Freunde, die ich schon länger nicht mehr gesehen habe, treffe ich hier wieder. Den Vormittag verbringe ich damit, mir die Stände der verschiedenen Hersteller anzugucken und das ein oder andere Teil mal bei einem flotten Lauf im Gelände zu testen. Mit meinen Sandalen falle ich hier zwischen den ganzen Trailschuhen schon ein wenig auf, auch wenn noch ein paar andere Minimalschuhträger außer mir hier rumlaufen. (es findet sogar ein Barfußlauf-Training bei einem der Workshops statt!)
Insgesamt scheinen die Teilnehmer eine lustige, leicht durchgeknallte Truppe von Individualisten zu sein die sich nichts Schöneres vorstellen können als auf allen nur möglichen und unmöglichen Pfaden durchs Gelände zu rennen.

kurz verschnaufen, dann geht's weiter...

Kurz vor Mittag ziehen dann plötzlich dichte Wolken auf und der vormals sonnige Tag weicht einem nieseligen, ungemütlichem Wetter. Wir kontrollieren nochmal unsere Ausrüstung, schnallen uns unsere Rucksäcke, Westen und Trinksysteme auf den Rücken und starten zu dem ausgedehntesten Lauf an diesem Wochenende.  Und so führt uns unser erster knackiger Anstieg auch gleich steil nach oben auf einem schmalen Waldpfad. Bei einem ersten Zwischenstop teilt sich die Meute in drei Neigungsgruppen. Während die ambitionierteren Läufer, geführt von  Phillipp Reiter vom Team Salomon, bereits um die nächste Ecke verschwinden schließe ich mich der Gruppe um Antje Schuhaj, der deutschen Meisterin im 100km Lauf, an und freue mich darüber, gemeinsam mit zwei anderen Luna-Monkeys durch die Wälder zu laufen. Die meisten anderen Läufer in der Gruppe sind doch recht neugierig und erstaunt, dass man selbst bei dem recht steilen und felsigen Gelände mit solchen "Schlappen" zügig unterwegs sein kann. Und auch wenn der ein oder andere Anstieg merklich die Pumpe schneller arbeiten lässt, finden wir doch immer ausreichend Gelegenheit zum Rumblödeln, Unterhalten oder um auch mal einen Schneemann aus den letzten verbliebenen Resten der ehemals weißen Pracht zu bauen. Nach etwas mehr wie 1000 hm Aufstieg ist es dann endlich so weit. Wir schlagen einen Haken und stürzen uns in den Downhill. Wie ein Rudel auf der Jagd fliegen wir den schmalen Geröllpfad runter in die Tiefe. Sporadisch legen wir kurze Stops ein um die Gruppe zu sammeln und uns dann erneut den Trail runterzustürzen. Als Flachlandtiroler bin ich selber erstaunt, wie gut ich mit dem Gelände klar komme und wie spielerisch ich mich mit meinen Sandalen hier langfege. Haben die paar Runden über Wurzeln und Steine im heimischen Wald doch zu was getaugt... Ein paar Wanderer, mit für mein Empfinden riesigen und viel zu schweren Rucksäcken, kommt uns den Berg hoch entgegen. Ihre Kommentare über "falsche Schuhe" höre ich schon gar nicht mehr, wetze ich doch schon längst einige Serpentinen weiter den Pfad leichtfüßig hinab. Immer mit vorne an der Spitze der Gruppe und ohne einen einzigen Fehltritt komme ich schließlich wieder im Tal an.
Mein Gott, war das genial! Achterbahn fahren ist nix dagegen! Nochmal!? Ähhh...vielleicht morgen...

Sandalen im Schnee? Ja, ne, ist klar!

Nach einer doch recht notwendigen Dusche spaziere ich anschließend die 5 km zurück zum Veranstaltungsgelände. Und um den Tag perfekt zu machen begrüßt mich da der sichtlich erstaunte Andi, der Luna-Monkey, den Rike und ich bereits beim 1. Kölner Barfußlauf kennen gelernt haben. Und wen hat er da im "Gepäck"? Barefoot Ted!!!
Der Barefoot Ted aus dem Bestseller-Buch "Born to Run" von Christopher McDougal.
Der Barfoot Ted, der sich von Manuel Luna hat zeigen lassen, wie man Huarache-Sandalen herstellt.
Der Barfoot Ted, der daraufhin die kleine Firma Luna-Sandals gegründet hat, deren Sandalen mich mittlerweile auf allen möglichen Trails und im Alltag begleiten!
Und hier schließt sich der Kreis.

Gemeinsam mit Andi, Ted und ein paar anderen sitzen wir draußen auf der Terasse, unterhalten uns über dies und das.  Ich stelle Ted die eine Frage, die ihm bisher noch nie gestellt worden ist! (You've probaply answered all those questions a million times. So we have to come up with a new question! Don't monkeys like to throw with...) ;-)
Wir blödeln rum, füllen die leeren Energiespeicher mit Hilfe der Küche des Gasthofs wieder auf. Und irgendwann verkrümelten wir uns nach drinnen um uns noch ein paar Vorträge anzuhören und im Anschluss eine Preview zu dem Film "Run Free - the true story of Caballo Blanco"  anzugucken. Ted erzählte dann noch ein paar Hintergründe zu dem Film der über die Crowdfunding Plattform Kickstarter finanziert wird.
Langsam ging dann dieser Tag zu Ende. Am nächsten Morgen stand noch ein gemeinsamer Abschiedslauf und ein Frühstück auf dem Veranstaltungsplan, an dem ich leider nicht mehr teilnehmen konnte, da mein Bus bereits früh morgens wieder Richtung Heimat abfuhr. Also verabschiedete ich mich von alten und neuen Freunden und spazierte zurück zu meiner Unterkunft.

So kurz das Wochenende auch für mich gewesen war, so intensiv waren doch die Eindrücke die ich mitgenommen habe. Ich habe gemerkt, dass ich mittlerweile wirklich auf den Trails zu hause bin! Das Laufen im Gelände mit meinen Luna-Sandalen ist mir zu einer zweiten Natur geworden. Ich hab mich sehr gefreut alte Freunde und Bekannte wieder zu treffen und neue kennen zu lernen. Natürlich war ich auch neugierig wie die diversen Spitzeläufer und nicht zu letzt auch Barfoot Ted in natura sein würden. Ich muss gestehen, dass Ted zwar einerseits so war wie ich ihn mir vorgestellt hatte, mich im nachhinein aber durch seine nachdenkliche und bedachte Seite mehr beeindruckt hat wie ich gedacht hätte. Auf seine Art und Weise ist er wirklich ein bemerkenswerter Mensch, der weit mehr ist wie nur der Baarfuß-Monkey aus Born to Run.

Vielen Dank an Robert und das Team von Racelight für die Orga dieses Events! Vielen Dank an alle Teilnehmer für die großartige Atmosphäre! Vielen Dank an die Herbergseltern der Jugenherberge in Burgrain für den überaus freundlichen Service! Und vielen Dank an alle Monkeys fürs Weitertragen der Message!

Kuira Ba!






Anmerkung:
Meine Luna Monos habe ich komplett selbst bezahlt. Ich werde weder von LunaSandals gesponsert, noch habe ich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags irgendwelche geschäftlichen Beziehungen mit ihnen. Das ich so ausnahmslos positiv über meine Erfahrungen mit diesen Sandalen schreibe, liegt einzig und allein daran, dass ich mittlerweile seit rund 900 km absolut zufrieden mit den Teilen bin!

Der Umstieg von modernen Laufschuhen zu Minimalschuhen oder zum Barfußlaufen benötigt Zeit und Geduld! Ohne entsprechendes Training kann es zu Fehlbelastungen oder Verletzungen durch Überlastung kommen. Wer mal reinschnuppern oder komplett umsteigen möchte sollte sich vorher ausgiebig informieren und evtl. einen Kurs besuchen.
Wer Lust hat mit mir mal eine Runde zu drehen, darf sich natürlich gerne melden.