Donnerstag, 30. Oktober 2014

Geteert und Gefedert - in der ethisch-ökologischen Zwickmühle

Was war es damals alles einfach. Begriffe wie Klimawandel und ökologischer Fußabdruck waren im allgemeinen Sprachgebrauch noch unbekannt. Vegetarismus hielten manche eher für eine Sekte und bestimmt nicht für eine gesunde Ernährungsform. Und um nicht zu frieren ging man einfach ins Geschäft an der Ecke und kaufte sich eine x-beliebige Jacke. Hautsache die Größe und die Farbe stimmte.

Daune oder Kunstfaser?

Heutzutage haben sich die Zeiten geändert. Man hat jetzt eigentlich nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder man ignoriert vehement jegliche Studie die vor dem ökologischen Kollaps warnt oder man setzt sich mit seinem Konsumverhalten reflektiert auseinander.
Zugegeben, ich hab in meinem Leben schon mehr als eine Jacke, Rucksack, Schlafsack oder Zelt verschlissen und gekauft. Und gerade wenn es um warme Klamotten geht, kann man beim Stadtbummel schwach werden, wenn man erst kurz vorher auf Tour mehr als nur kalte Füße hatte. Und wenn es um Isolierung geht kommt immer noch kein Material an den unangefochtenen Spitzenreiter Daune heran. Zumindest verfügt kein anderes Material über so ein gutes Wärme-Gewichtsverhältnis wie Daune. Auch der Tragekomfort ist unübertroffen. Und spätestens seit der Einführung wasserabweisend behandelter Daune haben Skeptiker die bei dem Gedanken von nasser Isolierung zusammenzucken kein Argument mehr in der Hand. Naja, fast...
Wir sind schon länger Vegetarier und seit einer ganzen Weile ernähren wir uns mittlerweile überwiegend vegan. Das hatte neben gesundheitlichen und ökologischen auch nicht zu letzt ethische Gründe. Aber wie hält man es neben der Ernährung mit seinem sonstigen Konsum? Das war und ist eine Frage, die wir uns zunehmend stellen. Wenn man mit den Methoden der Lebensmittelindustrie und insbesondere der Massentierhaltung bzw. Intensivtierhaltung nicht einverstanden ist, bleibt einem wohl nichts anderes übrig als auch bei seiner Bekleidung auf tierische Produkte zu verzichten.
Das scheint erstmal einfacher als es dann tatsächlich ist. Wenn man neben dem Tierleid aber auch ökologische Faktoren mit in die Rechnung mit einbezieht, fängt das Grübeln an...

In der Outdoorindustrie übertrumpft man sich aktuell gegenseitig mit Blue-Label Zertifikaten und Highttech Materialien aus recycleten Rohstoffen. So weit so gut. Setzt man sich jedoch etwas mehr mit der Materie auseinander ist leider nicht alles so grün wie es scheint. Beim Stöbern in diversen Katalogen, Onlineshops und den Seiten namhafter Hersteller sind mir einige Punkte aufgefallen, die mich nachdenken ließen. Lassen wir mal von begründeter Kritik an wasserdichten Membranen und Imprägniermitteln ab, die ja auch bei Daunenprodukten Verwendung finden. (Greenpeace hat wiederholt mit seiner Detox-Kampagne auf grobe Missstände bei den verwendeten Chemikalien hingewiesen) Oder dem Umstand, dass Hersteller die sich selbst als ökologisch vermarkten oft nur einen verschwindend geringen Teil ihrer Kollektion ohne entsprechend fragwürdige Stoffe produzieren bzw. zertifizieren. Gucken wir einfach mal zu den gängigen Alternativen zu Daune. Kunstfaserfließe wie etwa Primaloft, Climashield Apex und co. haben hier ganz klar die Nase vorn. Und wie schön, gibt es viele dieser Produkte auch noch aus recycleten Rohstoffen! Ist doch prima! Oder nicht?
Also mal rasch einen Blick auf die Produktanhänger an den Klamotten geworden...

New Material Only

Ganz selten findet man allerdings mal Informationen zum recycleten Anteil im Produkt und dieser ist dann oft verschwindend gering. Ok. Das ist natürlich immer noch besser wie gar nix. Jeder fängt ja mal klein an. Aber die Werbung der Hersteller vermitteln dem Verbraucher häufig den Eindruck, das Produkt währe fast vollständig aus wiederverwerteten Ressourcen hergestellt. Unterm Strich heißt das bei den gängigen Kunstfaserisolierungen, dass man weiterhin auf petrochemische Produkte aus extra dafür gewonnenem Erdöl setzt. Ob das mit dem Bild zusammen passt, das der naturverbundene Kunde von diesen Produkten hat? Und berücksichtigt man die oft relativ kurze Lebensdauer einer Kunstfaserisolierung bevor diese einen Großteil ihres Loft und damit ihrer Wärmeleistung einbüßt, ist diese Frage umso begründeter. Recyclet wird das Material am Ende seiner Lebensdauer in der Regel auch nur in Ausnahmen. Sei es, weil der Verbraucher mit der richtigen Entsorgung überfordert ist, oder weil der Hersteller die dafür nötigen Informationen nur unzureichen publiziert. Also doch wieder Daune?

Enthält Nicht-Textile Teile Tierischer Herkunft

Es gibt ja immer mehr Hersteller die sich zertifizieren lassen, dass ihre Daune nicht von Lebendrupf stammt und lediglich "Abfallprodukte" der Lebensmittelindustrie sind.
Aber mal abgesehen von den mehr als unwürdigen Lebensbedingungen der Tiere in der Massenaufzucht (wer glaubt, die Daunen seiner Jacke stammten von 3-4 glücklich und frei auf einer grünen Wiese umherlaufenden Gänsen denen man die Federn abstreichelt, sollte mal öfters einen Blick in die Zeitung riskieren) ist auch die Massentierhaltung für ihre rohstoffintensive und wenig nachhaltige Produktion verschrien. Immerhin geht weltweit der überwiegende Anteil der Ernteerträge in die Tierzucht und die Tierindustrie ist für rund 51% aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Zudem bedrohen die dort anfallenden Abfallstoffe Grundwasservorräte und Boden gleichermaßen. Mit dem Kauf von Daunenprodukten werden diese Umstände indirekt unterstützt.
Unter diesen Gesichtspunkten ist mit Sicherheit auch der Artikel "Wolle hat schlechtere Umweltbilanz als viele Kunstfaserprodukte" lesenswert, auch wenn hier nicht Daunenprodukte zum Vergleich herangezogen werden.

Wenn man also weder auf Daune, noch auf Kunstfaser zurückgreifen kann oder sollte, was dann? Nackt auf die nächste Wintertour? Wohl eher nicht.
Eine Lösung um das Problem zu minimieren ist eigentlich ganz simpel. Weniger kaufen!

Auch wenn uns diverse Magazine und Kataloge was anderes erzählen, braucht man nicht für jede Gelegenheit eine andere, hochspezialisierte Jacke. Als Blogger der auch von Zeit zu Zeit Produkte testet und darüber berichtet, muss ich mir hier selber auch den Schwarzen Peter zuschieben. Allerdings bin ich auch immer bemüht offen und ehrlich über meine Erfahrungen zu schreiben, damit andere davon profitieren können. So hoffe ich, dass ihr zumindest den ein oder anderen Fehlkauf vermeiden könnt. Was hab ich also in über 25 Jahren gelernt, die ich mich schon draußen rumtreibe? In der Regel reicht das selbe alte Teil, was man schon seit Jahren nutzt. (Das ist eine Erkenntnis, die auch bei mir lange gebraucht hat) Nur wegen eines kleinen zusätzlichen Features oder um mit der Farbe der Saison zu gehen ist eine Neuanschaffung einfach unverhältnismäßig. Auch wenn es vielleicht gut gemeint ist, bringt es auch nix seine alte Ausrüstung auszusondern um sich mit neuer, "grünerer" Kleidung einzudecken. Wie hat man früher immer so schön gesagt? "Erst das alte im Kühlschrank aufbrauchen, eh Du 'ne neue Packung anbrichst!"
Aber was, wenn die Jacke mal wirklich durch ist? Die richtige Pflege zögert ein vorzeitiges Ende zumindest schonmal hinaus. Auch ein Flicken muss nicht schäbig wirken, sondern verleiht wie ich finde einer Outdoorjacke irgendwie Persönlichkeit. Und wenn dann doch mal das Ende alles Irdischen ansteht? Dann erstmal darum kümmern, dass die alte Jacke einem fachgerechten Recycling zugeführt wird (zumindest die meisten Hersteller, die etwas auf sich halten, bieten mittlerweile ein entsprechendes Rücknahme-Programm an). Bevor man dann in den nächstbesten Laden läuft lohnt sich immer ein Blick auf den Gebrauchtmarkt. Das ist nicht nur Resourcen schonend, sondern schont praktischerweise auch noch das Portemonai. Und manchmal findet sich da noch der ein oder andere unverhoffte Schatz! Wie oft haben Hersteller schon ein eigentlich tolles Teil in einer Neuauflage verschlimmbessert und man wünscht sich, man hätte lieber das ursprüngliche Design? Lösung: Gebrauchtmarkt!

Wie sieht das bei mir selber aus? Ich habe bei unseren Touren seit Jahren auf eine Haglöfs Oz gesetzt die ich mal als Schnäppchen gebraucht erstanden habe. Auch wenn sie schon etwas in die Jahre gekommen ist hat sie anstandslos auf zahlreichen Touren ihren Dienst bei mir geleistet. Bei meiner Lieblingstourenhose musste ich schon x-mal die Nähte ausbessern. Und ich erwische mich immer öfter dabei, dass ich für Touren meinen uralten GoLite Breeze packe.

GoLite Breeze, auch heute noch ein Star!

Natürlich standen auch immer wieder mal Neuanschaffungen an. In der Regel haben aber dafür andere Dinge ihren Weg aus meinem Schrank auf den Gebrauchtmarkt gefunden. (Auch wenn es manchmal wirklich nicht leicht fiel, weil man ja denkt, man könnte es doch irgendwann nochmal gebrauchen) Aber ich freue mich immer wieder, wenn ich höre, dass die Sachen bei ihrem neuen Besitzer fleißig genutzt werden.


Und die Frage ob Öl oder Daune?
Geteert oder Gefedert?

Sie lässt sich wohl nur als Aufruf verstehen, das eigene Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen.






Kommentare:

  1. Hallo! Schön, dass Du Ausrüstungsproblematiken und die Illusion der Konsumfreiheit thematisierst!! Mich treibt das Thema bereits eine Weile um. Auch jetzt, wo ich dabei bin, meine Ausrüstung mit leichterer auszutauschen. Tierprodukte kommen bei mir, aus den von Dir genannten Punkten, auch nicht in Frage. Mich wundert ein wenig, dass das nicht mehr Wanderer_innen diese Problematik nicht auch umtreibt. Gerade, wo die meisten doch vorgeben, sich für Flora und Fauna zu interessieren und sie auch zumeist respektieren. Leider ist der Respekt dann nicht mehr da, wenn es um das eigene Essen oder bspw. die Auswahl der Ausrüstung geht. Wurden zuvor noch Greifvögel oder Steinböcke in der Natur bestaunt, ist die Bewunderung nicht mehr da, wenn unvegane Instantnahrung verspeist oder sich samt Merinounterwäsche in einen Daunenschlafsack gekuschelt wird. Denn lassen wir uns doch nichts vormachen - egal welche Labels auf den Packungen stehen, die Tiere werden für die Produkte ausgebeutet und getötet. Insofern kann ich mich Deinem Aufruf nach reflektierterem (Konsum)Verhalten nur anschließen. Viele Grüße

    AntwortenLöschen
  2. Freut mich, dass ich mit diesen Überlegungen nicht alleine bin. Wie schon gesagt ist das allerdings auch kein leichtes Thema. Selbst wenn man bemüht ist sich damit auseinander zu setzen gibt es so viele Teilaspekte die man kaum überschauen kann, bzw. es schlichtweg unmöglich für den durchschnittlichen Konsumenten ist alle Informationen zu bekommen. Das Zertifikate da oftmals auch keine wirkliche Lösung sind wird spätestens dann klar, wenn man sich die Vorrausetzungen oder Vergabepraktiken für solche Labels anschaut.
    Von daher kann ich schon nachvollziehen, dass viele Konsumenten sich innerlich davon abgeschreckt fühlen und lieber den raschen Kauf einer intensiven Recherche vorziehen. Unangenehme Fakten werden dabei einfach aus dem Bewusstsein verdrängt. Das es auch unterschiedliche Auffassungen von Naturverbundenheit gibt sieht man nicht zuletzt an Jägern die sich auch häufig "Tierliebe" und "Naturschutz" auf die Fahne schreiben. Das diese Wiedersprüche auch im Licht neuester Forschungen nicht mehr haltbar sind wird gerne von Betroffenen bestritten.

    Ich muss aber eingestehen, dass mein Schrank auch noch "Altlasten" aufweist. Neben Wollklamotten nutze ich nach wie vor einen Daunenquilt. Rein ethisch betrachtet kann ich das nicht rechtfertigen. Unter ökologischen Aspekten halte ich es aber ebensowenig für vertretbar diese Teile einfach zu entsorgen und durch "bessere" Kleidung zu ersetzen. Für mich bedeutet das, dass ich diese Sachen so lange nutzen werde, bis sie verschlissen sind und sie dann erst ersetze.

    AntwortenLöschen
  3. Einer der besten Texte, die ich bis jetzt zu dem Thema gelesen habe! Ich bin selbst manchmal schockiert vom Konsumverhalten (auch meinem eigenen). Aber wie du schon sagtest ist der Gebrauchtmarkt das Stichwort. Er ist zwar keine Lösung, mildert aber die Folgen deutlich ab, da ein Kleidungsstück wirklich seine Lebensspanne ausschöpfen kann.

    AntwortenLöschen
  4. Oh, vielen Dank! :)
    Mir selber kommt er zwar etwas ungelenk vor, aber das ist wohl oft beim Blick auf das eigene Produkt. Umso mehr freut mich dein Kommentar!
    Der Gebrauchtmarkt ist natürlich eine Möglichkeit die von vielen noch nicht wirklich genutzt wird. Evtl. gibt es da die Scheu vor etwas Gebrauchtem, oder der Drang das Neueste vom Neuen zu haben ist einfach zu groß. Allerdings hat auch der Gebrauchtmarkt eine Schwachstelle, die viel zu selten beachtet wird. Zwar sind die Gegenstände gebraucht, aber auch die wurden ja mal als Neuware mit allen negativen Konsequenzen die damit verbunden sind, produziert. Und viele Dinge auf dem Gebrauchtmarkt landen ja nicht dort, weil sie unbrauchbar geworden sind (z.B. weil sie nicht mehr passen) sondern weil sie durch was neueres, "besseres" abgelöst wurden. Somit könnte der Gebrauchtmarkt es den Verkäufern auch evtl. erst ermöglichen oder zumindest sie darin begünstigen sich ständig mit Neuem einzudecken.
    Auf der anderen Seite verlängert ein Gebrauchtmarkt natürlich auch die Lebensdauer von Produkten und verhindert, dass diese vorzeitig entsorgt werden.

    AntwortenLöschen
  5. Da hast Du recht. Aus einer westeuropäischen Perspektive heraus: Bezogen auf Tiere geht es tief in die Geschichte der Menschheit und in die eigene Biografie hinein. Veganismus bedeutet ja eine Abkehr von einem Teil der Normalität - Tierausbeutung. Diese Normalität ist so tief in den Hirnen der Menschen verankert, dass es schwierig erscheint, da eine gegensätzliche Position zu finden, einzunehmen und fortzuführen. Und dennoch scheinen langsam mehr und mehr Menschen umzudenken. Auch wenn viele das wohl aus gesundheitlichen Gründen heraus machen, das heißt (zunächst) nur ihre Ernährung umstellen und Tierausbeutung bspw. für Kleidung und Unterhaltung (noch) nicht einbeziehen.
    Wie Du schon schriebst - Verdrängung spielt im allgmeinen eine wesentliche Rolle. Entweder glauben Konsument_innen einem Label und heißen Tier(aus)nutzung gut oder ihnen ist der Tierausbeutungsaspekt gar nicht bewusst. Sicherlich wirkt neben der Normalität, Tiere auszubeuten, die intransparente Produktionsweise wie ein Schleier. Ich denke, dass viele Menschen Tiere überwiegend als Teil der Natur betrachten, und somit als ausbeutbar begreifen. Tiere werden zu produzierenden Objekten abstrahiert. Es sei denn, sie fallen in die Kategorie "Haustier" oder exotisches "Wildtier". Dann werden sie am ehesten noch als Subjekte wahrgenommen.
    Ich sehe in dem Abtragen von Tierprodukten nichts schlechtes. Sicherlich mag es ein widersprüchliches Bild aufwerfen, wenn Veganer_innen Tierprodukte nutzen. Konsumvermeidung und Umweltschutz sind mir dann aber gewichtiger als eine ethische Reinheit. Ich versuche, Neukäufe von Tierprodukten zu vermeiden, um damit Tierausbeutung finanziell zu boykottieren.
    Die Recherche nach tierproduktfreien Sachen finde ich teilweise auch mühsam. In gänze kann mensch sich da wohl nicht sicher sein - es sei denn, die Produzent_innen haben eine vegane Richtlinie wie Vegetarian Shoes. Ansonsten ist es wohl unmöglich herauszufinden, welche Produktionshilfsstoffe verwendet werden, ob bspw. für den Kleber in Schuhen tierliches verarbeitet wurde. Ich nehme aber an, dass das zukünftiger leichter wird, schließlich haben "Vegan"-Labels in Supermärkten auch Einzug erhalten.

    AntwortenLöschen