Freitag, 7. November 2014

Der perfekte Rucksack

Ich wurde schon oft gefragt, welchen Rucksack ich empfehlen würde. In der Regel kommt dann von mir eine Rückfrage bezüglich des Einsatzzwecks, dem Volumen, Gewicht des Inhalts, Rückenlänge, Tourendauer, etc. Man kennt sowas ja auch aus diversen Foren oder aus den Verkaufs... Ähh, Beratungs-Gesprächen im Outdoorladen seines Vertrauens.

Aller Anfang ist schwer

Wenn man auf die reine Summe an Rucksäcken guckt, die ich in meinem Leben schon besessen, genutzt und verschlissen hab, oder auch nur auf die (eigentlich viel zu vielen) Rucksäcke, die sich zur Zeit in meinem Ausrüstungs-Fundus befinden, müsste man meinen, ich hätte Ahnung davon und könnte sagen, was der perfekte Rucksack währe. Oder zumindest wie der perfekte Rucksack aussehen müsste.
Andererseits zeigt die Unsumme an Rucksäcken mit ihrer Vielzahl an Features, Gimmicks und Designs die sich bei mir im Verlauf der Jahre angesammelt haben allerdings auch etwa anderes. Nämlich, dass ich scheinbar selbst noch nicht DEN perfekten Pack gefunden habe! Das klingt jetzt aber doch schon etwas merkwürdig, oder nicht?

Rucksäcke im Partnerlook

Ich muss zugeben, dass ich selber oft darüber nachdenke wie der perfekte Rucksack für mich beschaffen währe. Grundsätzlich hat ja jeder andere Erwartungen an seinen Rucksack und damit währe es schwer alle unter den selben Nenner zu bringen. Der eine möchte nunmal nicht auf einen Hüftgurt und ein integriertes Tragesystem verzichten, der andere empfindet das als überflüssig oder sogar störend. Um also festzustellen, welcher Rucksack am besten zu einem passt, währe es zunächst einmal wichtig, zu wissen was die eigenen Erwartungen sind. Das man sich da mal von gewissen Wunschvorstellungen befreit und da eher realistisch an die Sache dran geht kann da nur hilfreich sein.

Auch wenn die Industrie und deren Werbung es uns immer wieder versucht einzureden:

"ES GIBT KEINEN RUCKSACK, BEI DEM DER INHALT LEICHTER WIRD!"

Natürlich kann ein guter und bequemer Sitz dazu führen, dass sich ein Rucksack angenehmer trägt, wie ein anderes Modell. Leichter wird das Gepäck in seinem Inneren dadurch aber nicht! Bevor man sich also auf die Jagd nach einem Rucksack macht, sollte man sich um dessen Inhalt kümmern. Je weniger Teile und je leichter und kompakter diese ausfallen, umso leichter kann damit auch der Rucksack am Ende sein. Klar würden manche jetzt argumentieren, dass es doch auch bei Rucksäcken Gewichtsunterschiede gibt. Und da haben sie auch Recht. Aber, je minimalistischer der Inhalt des Rucksacks ausfällt, umso minimalistischer und umso leichter kann auch der Rucksack an sich gestaltet sein.

"brauch ich das wirklich alles?"

Wenn man sich also darüber im Klaren ist und seine Ausrüstung nun quasi nackt (d.h. ohne den verhüllenden Rucksack) vor sich liegen hat, schwingt man sich sogleich vor den PC und stürzt sich in die Recherche...

Die Ramenbedingungen sind ja meist soweit geklärt. Das Volumen und das Gewicht der Ausrüstung ist festgehalten (möglichst kleinschrittig in bunten Exel-Tabellen) und die Eckdaten der vorausliegenden Tour hat man auch parat. Was also nun? Man klickt auf den erstbesten Online-Shop und öffnet die Kategorie, die der eigenen Tour am ehesten entspricht. Alpinrucksack für eine Bergtour? Oder doch eher ein Trekkingrucksack für mehrwöchige Zelttouren?
Mhh... manchmal gar nicht so leicht. Und was, wenn ich mal in die Berge und mal im Flachland unterwegs bin? Brauch ich dann zwei Rucksäcke? Und fürs Fahrradfahren? Und in der Stadt? Langsam wird wohl klar, woher die ganzen Rucksäcke stammen, die bei mir rumfliegen...

für's Trailrunning ein Trailrunning-Rucksack

Aber braucht es das wirklich? Diese ganzen verschiedenen Spezialisten? Oder gibt es eine Art Eier legende Wollmilchsau? Das ist die Frage, die ich mir schon geraume Zeit stelle und die mich schließlich zu diesem Artikel geführt hat. Wenn ich einen Rucksack selber entwerfen würde, würde ich die Details übernehmen, die ich schon bei anderen Rucksäcken zu schätzen gelernt hab.  Am Ende stünde mein Idealbild eines Rucksacks.

der Großvater der Ultraleichtrucksäcke

Erstaunlicherweise habe ich bereits ähnliche Rucksäcke. Und es sind oft nur wenige Details die sie von diesem Idealbild trennen. Rückblickend entsprachen diese Rucksäcke als ich sie bekommen habe meinem Idealbild bzw. waren "genau das, was ich mir gewünscht habe". Warum entsprechen sie dieser Vorstellung eines idealen Rucksacks jetzt nicht mehr und warum suche ich weiterhin nach dem perfekten Pack?

Die Rucksäcke haben sich nicht verändert. Ich habe es! Ok. Ich bin immer noch ungefähr gleich groß, hab immer noch zwei Arme und auch mein Rücken ist noch da wo er hingehört. Die Veränderung hat im Kopf stattgefunden. Was sich geändert hat waren die Erwartungen die ich an einen Rucksack stelle. Das war zunächst einmal das größere Volumen als die Touren länger wurden. Dann haben Tests und Berichte in verschiedenen Magazinen mich vom Vorteil neuer Features "überzeugt". Als ich mit Ultraleicht angefangen habe, war es die Versprechung von geringerem Gewicht. Aber immer waren es Einflüsse von Außen, die meine Erwartungen und meine Ansprüche an einen Rucksack verändert haben. Wenn ich zurückdenke, war das nicht immer so. Zugegeben, in meiner Jugend war man froh, wenn man einen gut sitzenden Rucksack hatte, der nicht alle Nase lang in den Schultern einschnitt. Aber unterm Strich waren die Details des Rucksacks nachrangig. Outdoorstores gab es noch nicht an jeder Ecke, der Briefkasten wurde nicht mit Werbung diverser Ausrüster überflutet und vom Internet hatte damals auch noch keiner gehört.

den Kuchen lass ich lieber gleich draußen...

Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr werde ich mir klar darüber, dass es den perfekten Rucksack bereits gibt. Und, dass ich ihn bereits besitze! Er befindet sich in meinem Kopf. Nicht als Idee, als Schnittmuster oder als Liste von Features und must-haves. Nein. Vielmehr sind es die Erwartungen an einen Rucksack die diesen formen. Und wenn ich diese Erwartungen ändere, sie umgestalte und überdenke, dann passen sie auf den Rucksack, der da bereits seit Jahr und Tag in meinem Schrank hängt. Das klingt jetzt mit Sicherheit wie die wirren Reden eines Einsiedlers auf irgend einem nicht näher genannten Sumpfplaneten...

Hüftgurt? Nein, danke!

Aber wenn man sich darüber klar wird, wie sehr unser Denken und damit auch unser Handeln von Werbung, Berichten und Kommentaren im Netz und unserem gesamten Umfeld beeinflusst wird, dann erscheint das vielleicht weniger abstruß. Brauche ich wirklich einen neuen Rucksack, weil er 20 Gramm weniger wiegt wie mein alter Rucksack? Machen die neuen Schultergurte wirklich so einen Unterschied im Tragekomfort, dass ich bereit dafür bin, einiges an Geld auszugeben, obwohl ich in den letzten Jahren auch mit den alten Schultergurten immer gut zurecht gekommen bin? Es liegt schlußendlich an uns und unserem Kopf, was wir wollen und was wir wirklich brauchen. Und was soll ein Rucksack unterm Strich können? Er soll groß genug sein um unseren Krempel zu fassen und sich dabei ausreichend bequem tragen lassen.
Wenn ich diese Idee weiter spinne, dann währe der perfekte Rucksack kaum mehr wie die simple Tasche eines traditionellen Pilgers oder Wander-Mönches. Ein einfacher, schlichter Beutel, der die notwendigen Dinge aufnehmen kann, auf die man unterwegs angewiesen ist.
Und da man diese grundlegende Idee der Einfachheit auch auf den Rest seiner  Ausrüstung anwenden könnte, müsste dieser Beutel gar nicht mal so groß sein...

kein Vergleich zu früher ;-)

Heißt das nun, dass man mich demnächst mit einem Jutebeutel über der Schulter durch den Wald huschen sieht? Wohl dann doch eher nicht. Ich gebe zu, dass es mir selber nicht immer leicht fällt, mich den diversen Verlockungen die ein neues Produkt liefert zu entziehen. Und doch ist es für mich ein besonderer Reiz und eine Herausforderung das zu nutzen was man bereits hat und dabei zugleich damit zufrieden zu sein.

Die Kunst besteht nicht darin, den Ausrüstungsgegenstand mit den passenden Features auszuwählen, sondern das was man zur Verfügung hat auch in unerwarteten Situationen überlegt einzusetzen.



Kommentare:

  1. Du machst dir ja einige Gedanken um deine Ausrüstung. Ich stand selbst kürzlich vor der Überlegung mir das neuste Modell einer bekannten, kleinen Rucksackschmiede aus Köln zuzulegen. Glücklicherweise war der Rucksauck auf Monate im Voraus ausverkauft. Sonst wäre ich bestimmt schwach geworden.
    Aber meine Touren haben bisher ja auch funktioniert. Warum also etwas ändern? Manchmal macht es Sinn. Wenn die Tochter irgendwann mal so weit ist, dass sie mit mir kommen möchte, dann brauche ich wohl auch etwas mehr Volumen, da man die Kinder ja nicht so viel tragen lassen will. Aber für mich selbst... da muss eigentlich das reichen, das schon funktioniert hat... Wenn die Böse Werbung und die hübschen Fotos nicht wären :-D

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  2. Sehr schön Basti :-)

    Ich bin Mitglied der Gruppe "Anonyme Rucksackanhäufer".

    Mein Lieblingsrucksack zur Zeit ist ein Golite Jam von 2004. Nichtsdestotrotz haben sich in der Zwischenzeit so viele
    andere Rucksäcke in meinen Fundus geschlichen und auch teilweise wieder verabschiedet.

    Weniger ist mehr macht dabei ansich nicht alleine an der Grammzahl eines Rucksackes halt, sondern auch an der
    Anzahl der Rucksäcke im Ausrüstungsschrank. Hier muss ich sicher noch leichter werden.

    CU

    Carsten

    Privat:
    Golite Jam (2004)
    Laufbursche Huckepack
    Golite Rush 10
    Goruck Radio Ruck
    Laufbursche Packsack
    Sea-2-Summit-Ultrasil-Daypack
    Gregory Palisade Light
    Gregory Advent Pro

    Für Kursbetrieb
    Golite Jam (201x)
    Lightwave Ultrahike
    Exped Lightning

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  3. Naja, ein kleine Auswahl meiner Rucksäcke sieht man ja auf den Bildern. Bin also auch noch weit davon entfernt ein Zen-Mönch zu werden. ;-)
    Ich glaube es ist noch nicht einmal die Frage nach der Anzahl der Rucksäcke an sich. Vielmehr sollte man öfters seine Motivation hinterfragen, die dazu führt sich einen neuen Rucksack (oder etwas anderes) anzuschaffen.

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  4. Oh, ich hoffe ich hab da unserem bärtigen Freund jetzt nicht das Geschäft mit Dir versaut! ;)
    Ich erwische mich ja auch immer wieder, dass ich von einem Produkt, seinen durchdachten Details oder seinem Design sehr angetan bin. Vielleicht muss man da einfach einen Schnitt im Kopf machen. Also die "Schönheit" bzw. das Design wertschätzen und bewundern, aber nicht gleich auf den "Kaufen"-Button drücken. Wenn wir durch den Wald stromern ernten wir ja auch nicht gleich alle Blumen ab, nur weil sie uns gefallen.

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