Montag, 23. Februar 2015

Beuteltiere im Gipfelfieber

Auch wenn morgens noch die Straßen und Wege hier bei uns mit einer leichten Frostschicht bedeckt sind, so scheint der Winter sich nun doch seinem Ende zu nähern. Zeit für uns einen kleinen Blick zurück zu werfen...

Aussicht genießen

Zur Jahreswende hatten wir unser "Basislager" in einer kleinen Ferienwohnung mit Blick auf die Zugspitze aufgeschlagen. Wenigstens einmal im Jahr wollen wir Rheinländer auch mal richtigen Schnee und richtige Berge sehen! Die letzten Jahre waren "weiße Weihnachten" allerdings auch im Süden von Deutschland eher die Ausnahme als die Regel. Dieses Jahr kam es dann ganz anders wie gedacht. Aber vielleicht sollte ich sogar noch etwas früher anfangen...

Schon im Jahr zuvor hatten wir uns wiedermal in der Zugspitzregion herumgetrieben. So richtiges Winterfeeling wollte bei dem nass-braunen Schneematsch nicht wirklich aufkommen. Wenn überhaupt irgendwo noch etwas Schnee lag. Selbst bis in gewisse Höhenlagen zeigte sich mehr grün und braun wie weiße Pulverpracht. Zeitweise hatte ich es sogar bereut meine Luna-Sandalen nicht im Gepäck zu haben. Lediglich die Gipfel waren weiß betupft. Die Wege dort hoch erinnerten in ihrer Stimmung eher an eine Frühlingswanderung. Nicht, dass es nicht schön gewesen währe, aber wenn man auf Schnee hofft, dann will man auch Schnee und keine Blümchen!

Mit dieser Erinnerung im Kopf und einem eher unaussagekräftigen Wetterbericht als Grundlage planten wir dann unseren Aufenthalt in den Bergen. Wir würden auch ohne Schnee unsere Zeit dort unten genießen und stattdessen einige knackige Wanderungen und Gipfel angehen. Hauptsache Berge! Der Schlitten kann dann gleich im Keller bleiben...
Aber schon beim Passieren des Weißwurstäquators begleitete uns zunehmend dichter werdender Schneefall. Je näher wir den Alpen kamen um so heftiger schneite es. Als wir schließlich unser Ziel erreichten war alles unter einer dichten Schneedecke eingehüllt. Selbst über Nacht hielt der Schneefall an und bis zum Morgen reichte es knapp bis ans Fensterbrett unseres Zimmers. Aber statt das Glück nun auf der Piste zu suchen blieben wir bei unserem Plan und zielten auf die Gipfel der umliegenden Berge ab.

hop, hop! Immer schön den Berg hoch!

Eine unserer ersten Touren, deren Route wir bereits vom Vorjahr kannten, hatte es in sich. Der Pfad war seit dem Schneefall nicht mehr begangen worden, und wird auch bei besseren Bedingungen nur von wenigen in seiner vollen Länge bestiegen. Er führt mit zunnehmender Steigung an der Westflanke eines Berges durch den Wald und wechselt dann im oberen Teil nach Verlassen der Baumgrenze auf die Nordseite. Der Pfad bis dahin ist oft nur spärlich markiert und teils recht ausgesetzt. Auch das man sich fast ständig auf der Wetterseite aufhält lässt der Wind einen deutlich spüren. Erreicht man schließlich den Gipfel ist der Abstieg auf der Südseite dann deutlich komfortabler. Nur ein relativ kurzes Stück, bis man eine weite Alm erreicht wo eine Hütte mit Gaststube zu einem Zwischenstopp einlädt. Der weitere Abstieg ließe sich dann über eine breite Forststraße bewältigen oder über einen kurzen, gut zu folgenden Wanderweg.

Winterwunderland
Schon von Beginn an mussten wir Spuren. Der frische Pulverschnee machte es uns zugleich leicht und schwer. Obwohl er teils bis übers Knie ging war er doch so leicht und locker, dass es kaum eine zusätzliche Mühe bedeutete seine Schritte zu setzen. Jedoch war der eh schon schmale und nur selten gekennzeichnete Weg nun umso schwerer zu folgen. Auch Wurzeln, Steine, Trittstufen und andere Hindernisse musste man vorsichtig erspüren, wollte man nicht bei jedem Schritt straucheln. Dennoch kamen wir erstaunlich zügig voran und blieben sogar in der Zeit, die unser Routenbuch für den Sommer veranschlagt hatte. Etwa auf halber Höhe des Anstiegs erreichten wir eine recht urige und eher improvisiert wirkende Schutzhütte in der wir uns eine kleine Pause gönnten. Heißer Tee und einige aufgesparte Weihnachtsleckereien aus unseren Rucksäcken kamen da gerade recht. Nach und nach hielt aber der Schnefall nicht nur an, sondern wurde sogar noch stärker. Von unserem bisherigen Erfolg durch unseren raschen Aufstieg bestätigt machten wir uns wieder auf um noch rechtzeitig den Gipfel zu erreichen bevor das Wetter gänzlich umschlägt. Der Abstieg auf der anderen Seite würde sich ja ungleich leichter gestalten und geschützter verlaufen.

...und weiter geht's den Berg hoch!

Jedoch nahm ab hier der Bewuchs zunehmend ab und die Schneedecke noch zu. Teils hüfttief eingesunken versuchten wir uns den Hang hochzuarbeiten. Trotz Spikes an den Schuhen wurde es schwer immer guten Halt zu finden. An ausgesetzten Stellen mussten wir darauf achten auf keine Wächte zu treten um nicht mit den Füßen in der Luft zu enden. Kurz gesagt, der weitere Anstieg wurde zunehmend fordernder und riskanter. Mit dem weiteren Verlauf der Route im Kopf die noch die ein oder andere knifflige Stelle bereit hielt, dem immer kleiner werdenden Zeitfenster und dem zunehmenden Schneefall beschlossen wir schließlich kurz vor dem Gipfel umzukehren. Insbesodere ein breites Schneefeld an der Norseite, das den letzten Teil des Weges bis zum Gipfel darstellte war aufgrund der deutlich gestiegenen Lawinengefahr aus unseren Augen das Risiko nicht wert.
Natürlich etwas unzufrieden unsere geplante Tour nicht wie vorgesehen beenden zu können stiegen wir wieder ab. Unseren Spuren zu folgen war dabei schon wieder unmöglich geworden, da Schnee und Wind jeden Hinweis auf sie hatte verschwinden lassen. Im Dunkeln und im Licht der Stirnlampen erreichten wir schließlich wieder unseren Ausgangspunkt.

bei so viel Schnee, da lacht auch die Sonne

Die nächsten Tage hielt der Schneefall beständig an. Und so suchten wir uns Touren in weniger technisch anspruchsvollem Gelände heraus um dem Schnee Zeit zu geben sich zu setzen und um kein unnötiges Risiko einzugehen.
Bei einem unserer nächsten Gipfelversuche dann, mit dessen Routenverlauf wir schon seit einigen Jahren vertraut waren, hatten wir leider erneut nicht so viel Glück. Der größte Teil der Strecke stellte keine wirkliche Herausforderung da. Stark durch Skitourengeher und einige entgegenkommende Rodler (die den Lift auf der anderen Seite des Berges nutzten) frequentiert, war der Weg gut gangbar. Bei schönstem Sonnenschein konnten wir den Auftieg richtig genießen. Unser Plan sah jedoch vor den Berg nicht gleich parallel zur Piste auf der Nordseite zu besteigen, sondern weiter um ihn herum bis zur Süd-Ostseite zu gelangen um dort über einen Kamm und einen kleineren Nebengipfel bis zum Hauptgipfel vorzustoßen. So wollten wir den Touristenrummel und die wenig attraktive, wenn auch direktere Route vermeiden.
Der Weg führte durch ein eher flaches Waldstück und war offenbar bisher nur von ein paar Skitourengehern begangen worden. Im Gegensatz zu unserer ersten Tour war der Schnee nun auch nicht mehr leicht und fluffig sondern hatte sich gesetzt. Er war jetzt recht fest und zäh, aber nicht so fest, dass man darauf stehen konnte. Mit jedem Schritt sanken wir bis zu den Oberschenkeln ein und nur in der Spur der Skitourengeher sanken wir mit etwas Balance und Glück etwas weniger stark ein. Als dann auch die Skispuren endeten, da der weitere Weg scheinbar selbst für die Skitourer zu müßig wurde, mussten auch wir umkehren. Selbst mit Schneeschuhen (die wir natürlich NICHT dabei hatten...)  währe ein Fortwährtskommen auf diesem Weg zur Plakerei geraten. Langsam baute sich ein Frustgefühl auf. Jetzt hatten wir endlich den Schnee, den wir uns die letzten Jahre gewünscht hatten, nun machte er uns unsere Pläne fast alle zunichte. Gediegene Winterwanderungen sind zwar auch schön. Aber wenn das Gipfelfieber brennt, dann sind sie auch nur ein spärlicher Ersatz.

Rastplatz mit Aussicht

Und so starteten wir unsere nächste Gipfeltour etwas missmutig. Wir hatten uns diesmal bewusst für eine bekanntere Route an der Südseite eines Berges entschieden. Neben der guten Ausschilderung sollte auch der nahe Liftverkehr dafür sorgen, dass der Weg stärker begangen war. Unsere Rechnung ging etwa so:

Südseite = mehr Sonne = weniger Schnee
weniger Schnee + häufiger begangen = besser gespurt
besser gespurt = Gipfel in Aussicht

Unsere Rechnung ging dann auch auf. Die Wege waren zwar noch schneebedeckt, aber häufig frequentiert. An einer Stelle kam uns sogar ein Trailrunner entgegen, der plötzlich wendete und zurückkam. Wie sich herausstellte hatten wir uns am Anfang des Jahres auf den Traildays in Garmisch kennen gelernt. Er war nun wie wir zu Besuch in der Gegend um die Strecken auch mal im Winter zu erkunden. Nach einem kleinen Plausch ging es dann in entgegengesetze Richtungen weiter. Dank unserer Mikrospikes an den Schuhen war auch der vereiste und verschneite Anstieg kein Probem für uns. Der Blick auf den Höhenmesser an meiner Uhr verwunderte uns dann aber doch. Das wir diesmal zügig voran kamen, konnten wir immer mit Blick auf den Verlauf der Seilbahn und die umliegenden Berge erahnen. Das wir jedoch zeitlich auch deutlich unter dem lagen, was wir nach Kartenstudium und Routenführer auch ohne Schnee veranschlagt hätten, wollten wir als Flachlandbewohner nicht so recht glauben. Als wir den Gipfel dann sogar gut eine Stunde früher erreichten war das frustrierende Gefühl der letzten Tage verschwunden. Nach einer kleinen Stärkung machten wir uns an den Abstieg.


Schon nach wenigen Minuten hielten wir jedoch erschrocken inne. Der Weg vor uns war regelrecht in Blut getaucht. Bei näherem Hinsehen war wohl ein Wanderer beim Abstieg auf einem gefrorenen Stück ausgerutscht und scheinbar mit dem Kopf auf einem Stein aufgeschlagen. Die Wunde hatte scheinbar stark geblutet und der Schnee das Blut dann großflächig aufgesogen. Wir beeilten uns weiter zu kommen, da wir nicht absehen konnten, wann dieses Unglück geschehen war (da es die selbe Route war die wir aufgestiegen waren, war das mögliche Zeitfenster jedoch nicht so groß), wie ernst es tatsächlich um die verletzte Perosn stand und ob sie sich in Begleitung befand. Dank unserer Mikrospikes hatten wir zum Glück auch auf den vereisten Abschnitten stets festen Halt und konnten zügig weiter.
Den Weg vor uns zog sich nun eine deutliche rote Spur hin. Je weiter wir jedoch abstiegen, umso weniger wurde es, bzw. umso seltener fand sich Blut. Auf Höhe und in Sichtweite der Mittelstation der nahen Bergbahn knickte dann die Blutspur von unserem Weg ab, so dass wir sicher gehen konnten, dass der verletzte Wanderer wohl das Personal an der Bergbahn aus eigener Kraft erreicht hatte. Erleichtert machten wir uns auf den weiteren Rückweg. Dieses Erlebnis beschäftigte uns aber dennoch noch eine ganze Weile.


Touren in den Bergen haben immer ihren eigenen Charakter. Neben der richtigen Ausrüstung ist es vor allem Umsicht und Erfahrung die man nie vernachlässigen sollte. Weder das eine kann das andere ersetzen oder kompensieren, noch umgekehrt. Nicht immer geht alles so wie geplant. Man sollte stets  flexibel sein und über die notwenigen Reserven verfügen um auch bei Unerwartetem sicher wieder zurück zu kommen. Berücksichtigt man das, dann stellen die Berge ein lohnendes Ziel für viele Touren da die nicht nur uns für viele Jahre in ihren Bann schlagen.