Montag, 9. November 2015

die Kunst trocken zu bleiben



Wie ihr sicher schon vermutet, geht es um Regenbekleidung bzw. wie man verhindert, dass Niederschlag einen bis auf die Haut durchnässt. In der Theorie erscheint das nämlich zunächst leichter wie gedacht.
Fängt es an zu schütten, einfach Regenjacke und eventuell auch Regenhose anziehen und gut ist.

Wer aber schonmal bei verschiedensten Witterungsbedingungen für längere Zeit draußen unterwegs war, der weiss, dass das gar nicht so einfach ist. Es gibt nämlich mehr als einen Weg seine schöne Kleidung nass zu machen. Wenn man sich noch an die guten alten Regenjacken der 80er Jahre erinnert dann wird einem klar, dass auch der Körper selber dazu in der Lage ist eine ganze Menge an Feuchtigkeit auszustoßen. Und wenn man dann eine 100% dichte Jacke trägt, bleibt diese Feuchtigkeit nunmal auf der Innenseite. Resultat: Nasse Kleidung.

Schön, wenn man ein Feuer hat um sich zu trocknen!


Step aside, Friesennerz. It's time for Mr Membrane!

Mit der Erfindung „atmungsaktiver“ Regenjacken wollte man das Problem mit dem Schweiß lösen. Und wer kennt nicht das Versprechen der Firma GoreTex "Guaranteed to keep you dry"? Den Titel dieses Artikels habe ich nicht von ungefähr an diesen Slogan angelehnt. Aber eigentlich müsste der Titel dieses Artikels anders lauten:

"Die Kunst nicht zu schwitzen"

GoreTex-Membranen und auch die Membranen anderer Hersteller egal ob aus ePTFE oder PU gefertigt versuchen im Prinzip das selbe zu erreichen. Sie wollen verhindern, dass Wasser in flüssiger Form von der einen Seite der Jacke auf die andere Seite gelangt während zeitgleich Schweiss von der Innenseite zur Außenseite abgeleitet wird. Das dies je nach Technologie, Hersteller und Klimabedingungen unterschiedlich gut funktioniert zeigen unzählige Testberichte in einschlägigen Magazinen, Onlineforen und Blogs.

Dabei muss man zwei Dinge betrachten. Einmal, wie gut Wasser draußen gehalten wird und dann wie gut Feuchtigkeit nach außen abgeleitet werden kann. Nach meiner Erfahrung, sowohl mit diversen GoreTex-Membranen, eVent oder PU-Beschichtungen verschiedenster Hersteller, gelingt es zunächst einmal unter normalen Bedingungen immer, dass Nässe draußen bleibt. Je nach Stärke des Niederschlags und der verwendeten Technologie dann halt mal mehr oder weniger gut. Die Sache mit dem Schweiß nach außen ableiten ist dann wieder eine ganz andere Sache. Viele Leute denken oft, dass ihre Jacke undicht ist während es jedoch meistens eher der Fall ist, dass sich auf der Innenseite einfach zu viel Schweiß aufgestaut hat. Aber wie kann das sein? Immerhin ist die Jacke doch "atmungsaktiv" oder nicht?

Stellen wir uns einfach mal vor eine Membrane währe nichts anderes wie eine Folie mit lauter kleinen Poren bzw. Löchern. (Auch wenn PU-Membranen im Gegensatz zu ePTFE Membranen technisch betrachtet etwas anders funktionieren, also eben nicht mikroporös sind, funktioniert das Beispiel zur Veranschaulichung trotzdem)  Durch eben diese Löcher soll der Schweiß nach außen gelangen.
Angenommen, ihr habt einen Topf über den ihr eine Folie gespannt habt in die ihr vorher ein paar Löcher reingestochen habt. Wenn ihr nun etwas Wasser darüber träufelt, läuft dieses durch die Löcher in den Topf. Also vom Prinzip wie der Schweiß, der durch die Membranporen nach außen transportiert wird.
Wenn ihr jetzt aber eine größere Menge Wasser auf diese Folie gießt, dauert es länger, bis all das Wasser durch die Löcher in den Topf geflossen ist. Das beobachtet man auch bei einer Membrane. Schwitzt man stärker, wird es für die Membrane schwieriger den ganzen Schweiß nach außen zu leiten. Irgendwann ist sozusagen die maximale Durchlassmenge erreicht die eine Membrane in einer gewissen Zeit bewerkstelligen kann und auf der Innenseite der Jacke sammelt sich der überzählige Schweiß. Je nach Membrane-Technologie, Klimabedingungen und Schweißmenge passiert das mal früher oder später. Aber es passiert. Außer... (Spannungsbogen und dramatische Musik)

...man lernt die Kunst nicht zu schwitzen!

Es gibt Wetter, da hält einen nichts mehr trocken.

Leider muss ich Euch an dieser Stelle gleich mal entäuschen. Solltet ihr körperlich gesund sein und der selben Spezies angehören wie ich, wird Euch das nicht gelingen. Einer der tollen Gimmicks mit denen wir von der Evolution ausgestattet worden sind, sind Schweißdrüsen am ganzen Körper die auch dann fleißig arbeiten wenn wir schlafen, uns also nicht anstrengen. Das Marketing der großen Membranhersteller und verschiedenster Outdoormarken hat es geschafft uns das so zu verkaufen, als währe das eine schlimme Sache. Und zugegeben, auf Tour nach einer Woche in den selben Klamotten und ohne richtige Möglichkeit sich zu waschen, würde man das sofort unterschreiben, wenn auch aus anderem Grund....

Aber grundsätzlich ist am Schwitzen zunächst einmal nichts auszusetzen. Es ist mit die effizienteste Möglichkeit die Körpertemperatur zu regulieren. Ohne zu schwitzen, würde unser Körper schnell seine Idealtemperatur gefährlich überschreiten. Das Problem taucht dann auf, wenn wir Kleidung tragen und diese vollschwitzen. Dann nützt es dem Körper nichts, wenn er das Schwitzen drosselt wenn er wieder seine Idealtemperatur erreicht hat. Die feuchte Kleidung sorgt durch Verdunstungskälte weiterhin für Kühlung. Wer schonmal bei kühlerem Wetter mit feuchter Kleidung unterwegs war, weiss wie unangenehm das sein kann. Ich möchte jetzt gar nicht soweit gehen und Horrorszenarien aufmalen bei denen eine Unterkühlung zu einer ernsten Gesundheitsgefärdung werden kann.
Vielmehr möchte ich hiermit zeigen, dass es nahezu unmöglich ist, draußen immer 100% trocken unterwegs zu sein.



Wenn man es sowieso nur eingeschränkt schafft trocken zu bleiben, sollte man dann nicht vielleicht die Lösung wo anders suchen? Bei meinen Schuhen verfolge ich schon seit Jahren recht erfolgreich den Ansatz: "Nass aber warm".
Statt immer wieder auf die neueste Technologie zu hoffen um trocken zu bleiben, habe ich erkannt, dass das nicht uneingeschränkt funktioniert. Statt auf wasserdichte Materialien zu setzen, greife ich daher auf schnellsttrocknende Konstruktionen zurück. Statt auf Schuhe mit Membrane setze ich auf Schuhe ohne Membrane, dafür mit offenem, luftigem Meshgewebe. Natürlich werden meine Füße nass wenn es regnet oder ich durch eine Pfütze oder einen Bach gehe. Aber die Füße können so auch bedeutend schneller trocknen wie in Schuhen ohne Membrane. Das heißt, Schweiß und andere Feuchtigkeit kann viel schneller austreten.
Das meine Füße auf Dauer dabei nicht zu stark auskühlen, verhindere ich durch die Wahl der Socken. So isolieren z.B. Wollsocken auch in feuchtem Zustand noch recht gut. Die gute Durchblutung meiner Füße produziert dabei zusätzlich Wärme, die meine Socken schon in recht kurzer Zeit wieder trocknet.



Merkwürdigerweise habe ich bei meiner sonstigen Regenbekleidung nie wirklich über diesen Ansatz nachgedacht.
Mir war bewusst, dass meine Regenkleidung mich nie 100% trocken halten würde. Also habe ich entsprechend wenig darunter getragen und mein Tempo meist gedrosselt um nicht unnötig zu überhitzen und ins Schwitzen zu geraten. Das gelingt natürlich nie so gut wie man möchte. Wenn möglich habe ich über Reißverschlüsse dann versucht den überflüssigen Wasserdampf entweichen zu lassen. Das hat auch meistens bis zu einem gewissen Grad funktioniert. Irgendwann ist aber selbst bei der besten Jacke der Punkt erreicht, wo das nicht mehr funktioniert und wo man Gefahr läuft zu frieren, wenn man sich nicht entsprechend warm halten kann. Warum also nicht direkt darauf setzen, seine Körpertemperatur gezielt zu kontrollieren, statt lange zu versuchen sich nur trocken zu halten?

Auftritt: Paramo

Schon vor einigen Jahren bin ich über die britische Firma Paramo gestolpert, deren Lösungsansatz sich von dem anderer Regenbekleidung unterscheidet.
Bei einem Aufenthalt in Schottland hatte ich auch mal die Gelegenheit mir deren Produkte anzugucken, die sich doch grundsätzlich von üblicher Regenbekleidung unterscheiden. Nicht nur die doch eher ungewöhnlich auffälligen Schnitte und Designs, sondern auch das relativ hohe Gewicht und die Preise haben mich damals abgeschreckt um mich näher damit zu befassen. Dennoch war mein Interesse geweckt und ich hab das Thema Paramo immer mit einem Auge verfolgt.
Vor kurzem hat Greenpeace nun mit seiner Detox-Kampagne auf die Problematik von PFCs, wie sie bei den meisten Membranjacken Verwendung finden, hingewiesen. Schon vor längerem war ich bemüht bei Neuanschaffungen auf Jacken ohne PTFE zu setzen. Allerdings sind selbst die meisten Jacken mit PU-Membran mit einer Imprägnierung ausgestattet die besagte PFC enthalten. Paramo hingegen verzichtete von Anfang an auf diese gefährlichen Stoffe und dank seiner Schwester-Firma Nikwax gibt es auch Pflege- und Imprägniermittel die darauf verzichten.

Was macht Paramo eigentlich anders?

Das besondere an Paramo ist vor allem das völlige Fehlen einer Membran oder einer andersweitig wasserdichten Schicht. Paramo nennt seine Technologie daher auch "analogy waterproof", also sinngemäß übersetzt "mit wasserdicht vergleichbar". Nach deutscher din-Norm gilt Paramo dabei in der Tat nicht als wasserdicht! Erstaunlicherweise ist es aber genau das, was viele von diesem Material berichten. Nämlich, dass es sie bei nahezu jedem Wetter trocken gehalten hat. Wie geht das zusammen?
Der Trick hinter Paramo ist eine zweilagige Konstruktion aus einer Außenhülle und einem Futter. Die Außenhülle ist dabei ein hauchdünnes, eng gewebtes Material wie man es auch von vielen Windhemden her kennt. Das Futter ähnelt auf den ersten Blick einem dünnen, festem Fleecestoff. Aber genau dieses Fleece macht den Unterschied zu traditionellen wasserdichten Jacken. Auf der einen Seite dieses Stoffes findet man dabei eine Fleeceähnliche Struktur während es auf der anderen Seite nahezu glatt ist. Dabei zeigt die Fleece-Seite nach außen und die glatte Seite zur Haut. Man liest oft, dass Paramo mit diesem sogenannten Pumpliner versucht das Fell von Tieren nachzuempfinden. Und in der Theorie funktioniert es auch vergleichbar. Die Idee dabei ist, dass Feuchtigkeit durch die unterschiedliche Struktur der Fasern immer von der glatten Seite zur Fleeceseite transportiert wird. Paramo nennt das "directional". Dabei greifen verschiedenste Effekte wie Kapilarwirkung, mechanische Bewegung der Fasern etc. ineinander. Im Idealfall leitet das Material dabei Feuchtigkeit schneller nach außen, wie Feuchtigkeit von außen nach innen eindringen kann. Das Resultat währe, dass die Innenseite quasi trocken bleibt. Damit dieser Pumpliner nicht durch zu starken Regen oder hohen Wind überfordert wird, hat Paramo eben auf der Außenseite dieses winddichte Material, was zumindest einen Teil des Wassers gleich draußen hält, ohne aber selber ganz dicht zu sein.

Dieser Aufbau bringt aber ein paar Probleme mit sich. Zum einen muss man sich auf die Imprägnierung verlassen können. Je stärker diese nachlässt, umso schwieriger wird es für das Material Feuchtigkeit nach außen zu leiten und nicht aufzusaugen. Ein wesentlicher Faktor des Pumpliners und auch des Außengewebes ist eben seine hydrophobe, sprich wasserabweisende, Eigenschaft. Auch Tiere müssen ja ihr Fell entsprechend pflegen, damit es in seiner Funktion nicht beeinträchtigt wird. Regelmäßige Pflege ist also ein Muss. Das gilt jedoch auch für Stoffe mit Membranen. Diese behalten zwar grundsätzlich ihre Wasserdichtigkeit bei, büßen aber in der Regel ihre Atmungsaktivität mehr oder weniger ein wenn sie ihre Imprägnierung verlieren. Also kein wirkliches Argument dafür oder dagegen.

Das nächste Problem ist die Isolierung der Jacke durch den Pumpliner. Da es sich im Prinzip um ein Fleece handelt, sind Paramojacken auch verhältnismäßig warm. Die meisten Leute lehnen sie daher für die wärmere Jahreszeit ab und holen sie nur im Winter aus dem Schrank. Zwar behilft sich Paramo damit die Jacken mit unzähligen Reißverschlüssen und Lüftungsmöglichkeiten auszustatten um die Temperatur zu regulieren, aber für den Hochsommer währen sie damit wohl trotzdem zu warm.

Das nächste Problem im Vergleich zu herkömmlichen Jacken ist das relativ hohe Gewicht. In der Regel wiegen die Jacken meist deutlich über einem halben Kilo und sind damit zumindest für Ultraleichtwanderer eigentlich uninteressant. Allerdings sollte man dabei auch berücksichtigen, dass man bei einer Paramojacke ja sozusagen zwei Jacken hat. Nämlich ein Fleece und eine Windjacke. Ist man also bei Wetterbedingungen unterwegs, bei denenen man eh beides tragen würde, relativiert sich damit auch das Gewicht der Paramojacke. Zumal sie ja auch noch die klassische Hardshell ersetzen würde.

Und in der Praxis?

Soviel zu meinen theoretischen Überlegungen. Seit kurzem habe ich nun selber so ein Paramo-Teil. Dank einem Bekannten kann ich mich nun über einen gebrauchten, aber sehr gut gepflegten Paramo Velez Adventure Light Smock freuen, der einen neuen Besitzer suchte. Bisher hatte ich noch keine Gelegenheit ihn auf einer längeren Tour zu testen. Einen ersten Eindruck möchte ich aber dennoch schon abliefern.

Erstmal das Wesentliche, das Gewicht: 605 Gramm (Größe L)!
Verglichen mit meinen bisherigen Regenjacken, die in der Regel immer unter 200 Gramm gewogen haben ist das eigentlich peinlich für einen Grammzähler wie mich. Aber ich hatte ja vorher schon geschildert, das so eine Paramojacke ja anders bewertet werden müsste wie übliche Outdoorbekleidung. Das heißt, ich müsste sie gegen ein Fleece, eine Windjacke und eine Regenjacke aufrechnen. In meinem Fall währe das zur Zeit eine Patagonia Houdini (Windjacke) mit 108 Gramm, eine Patagonia Alpine Houdini (Hardshell) mit 190 Gramm und ein Mammut Aconcagua Pro ML Hoody (Fleece) mit 402 Gramm. Letzteres ist zwar nicht das leichteste Fleece in meinem Schrank, kommt aber mit seiner gefühlten Isolationsleistung am ehesten an den Paramo-Smock heran. Mit meinem üblichen Setup läge ich damit sogar knapp 100 Gramm über dem Gewicht des Paramo-Smocks! Natürlich sind mehrere einzelne Teile viel flexibler einsetzbar. Bei einer Sommertour würde ich wohl ganz auf das Fleece verzichten und mir damit rund 400 Gramm sparen. Aber diese kleine Rechnung zeigt doch, dass man das Gewicht von Paramobekleidung relativ betrachten muss. Ob und wie flexibel sich der Paramo-Smock selber einsetzen lässt werde ich hoffentlich in der nächsten Zeit rausfinden.
Mit Temperaturen um die 10°C und einem einfachen T-Shirt drunter empfand ich ihn jedenfalls nicht als zu warm. Und ein erster "harter" Einsatz unter der Dusche (Ja, ich weiss, was ihr jetzt denkt. Aber wenn das Wetter nicht mitspielt, muss man eben anders seine Erfahrungen sammeln) hat zumindest schonmal gezeigt, dass diese Paramo-Technologie es tatsächlich schafft, das Wasser draußen zu halten.
Nach einem gründlichen Tauchbad im Waschbecken trocknete der Smock dann auch überraschend schnell. Schon nach knapp 30 Minuten fühlte er sich auf der Innenseite höchstens noch leicht feucht an und währe schon wieder tragbar gewesen, wenn auch noch nicht ganz trocken. An der „Pumpwirkung“ des Pumpliners ist also offenbar was dran.

Ein Manko gibt es allerdings. Das Design ist echt eine Sache für sich. Aber für jemanden der beim Wandern auch mal einen Schirm dabei hat und mit Sandalen rumläuft, ist die Optik eines "professionellen Outdoorers" eh zweitrangig... ;-)

Mir ist natürlich klar, dass auch Paramo mit Sicherheit nicht die Eierlegende Wollmilchsau unter den Regenbekleidungen ist. Wie alles hat es irgendwo seine Grenzen. Wo diese liegen, und wie es sich im Vergleich zu sonst üblicher Membran-Bekleidung einsetzen lässt, werde ich einfach mal ausprobieren.





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