Samstag, 25. Februar 2017

Abenteuer Notkarspitze

Das Geheimnis einer erfolgreichen Tour ist eine Art Dreiklang, also drei einzelne Töne die ein harmonisches Ganzes erzeugen. Diese drei sind der Charakter der Tour, die Ausrüstung und die eigenen Fähigkeiten. Jeder dieser drei Punkte ist in gewissem Maße abhängig von den anderen. Und bis zu einem gewissen Grad lassen sich Unstimmigkeiten in einem Punkt durch die beiden anderen übertönen. Elegant ist das vielleicht nicht, aber es kann funktionieren. Größere Unstimmigkeiten zwischen diesen drei erzeugen aber eine klare Disharmonie die  zumindest den Erfolg einer Tour gefährdet.

 

Diesen Winter ging es für uns erneut nach Süddeutschland. Zweimal mussten wir dieses Jahr (zugegeben recht kurzfristig) geplante Touren in die Alpen aufgrund von massiven Wetterumschwüngen vorzeitig abblasen. Jetzt drängte es uns umso mehr endlich wieder Berge zu sehen. Gipfelfieber nennt man das wohl. Ursprünglich wollten wir uns diesmal wieder auf die Bretter stellen, die zumindest für so manchen Bergfex die Welt bedeuten. Mit einem der wärmsten Winter der letzten Jahre lag aber selbst hoch oben auf der Zugspitze so wenig Schnee, dass wir die Ski gleich von Anfang an zugunsten unserer Wanderschuhe ungenutzt ließen. Das sind die großen Dinge auf die man keinen Einfluss hat. Flexibel in seinen Freizeitvergnügungen zu sein und bei Plusgraden nicht auf perfekt präparierte Pisten zu beharren täte wohl auch dem Alpenraum und der gesamten Umwelt gut. Aber das ist ein anderes Thema...

Das stabile Hoch versorgte uns Fußgänger jedenfalls mit perfektem Bergwetter, strahlend blauem Himmel und großartiger Fernsicht. Selbst die Wege und Steige waren bis auf die Gipfel der höheren Berge trocken und eisfrei. Und so nutzten wir die ersten Tage ausgiebig dazu etliche Höhenmeter unter die Füße zu kriegen. Natürlich nicht ohne auch die ein oder andere Einkehrmöglichkeit zu vernachlässigen.

Eine unserer Touren sollte uns auf die Notkarspitze führen. Im Sommer stellt die Notkarspitze mit Blick auf das Ettal einen klassischen Wanderberg dar. Und die Aussicht über das Klostertal zur einen und zur Zugspitze zu anderen Seite lockt wohl auch zahlreiche Wanderer auf den Gipfel. Zwar kann sich der Aufstieg über den Rücken an der Ostseite bei weniger konditionsstarken Bergwanderern etwas ziehen, und auch die Abstiege sind nicht zu vergessen. Bei gutem Wetter und ausreichend Tageslicht aber keine wirkliche Schwierigkeit. Im Winter (soll heißen bei Schnee) sind die Wege dann aber in aller Regel nur noch eingeschränkt begehbar oder erfordern zusätzliches Gerät wie Schneeschuhe oder Tourenski.
Diesen Winter war der Berg aber fast vollständig schneefrei. Lediglich die Spitze sollte etwas gepudert sein.

Unseren Aufstieg begannen wir recht spät. Man hat ja schließlich Urlaub und möchte auch mal in aller Ruhe ausschlafen. Und das Frühstück möchte man ja auch nicht vernachlässigen. Unser Gepäck hielten wir an diesem Tag recht leicht. Die Steigeisen ließen wir gleich im Auto. Sollte oben wieder erwarten doch mehr Schnee liegen würden wir einfach wieder umdrehen.
Also ging es für uns los. Unsere warmen Schichten verschwanden schon zu Beginn im Rucksack, heizte uns doch sowohl der Aufstieg wie auch die Sonne an diesem Tag ordentlich ein. Über Wurzelpfade ginge es beständig bergauf. Ein Mountainbiker kam uns mit seinem Hund entgegen. Und als wir den ersten Gipfel des Bergkamms erreichten begegneten uns auch mehr und mehr Wanderer, die auch die Gunst des guten Wetters genutzt hatten.




Irgendwann erreichten wir die Schneefallgrenze. Im Schatten der Bäume und Felsen hatte sich tatsächlich noch einiges an Schnee halten können. Da der letzte Anstieg aber eher moderat war legten wir dann noch die letzten Meter zum Gipfel zurück. Nur noch über den abschließenden Grat. Die übrigen Wanderer befanden sich bereits auf dem Abstieg und kamen uns auf unserer Aufstiegsroute entgegen. Den Gipfel der Notkarspitze hatten wir dann auch ganz für uns allein.



Da sich langsam die Sonne dem Horizont näherte und es oben auch recht frisch wurde planten wir den Abstieg. Von den drei möglichen Routen entschlossen wir uns aufgrund der Zeit für die kürzeste, wenn auch die relativ gesehen steilste. Der untere Teil dieser Route sollte ein einfacher Steig sein, lag aber nach unserer Einschätzung unterhalb der Schneegrenze und sollte somit nicht anspruchsvoller sein wie im Sommer.
Der erste Teil des Abstiegs ging dann auch recht flott vor sich. Auf den letzten Metern haben wir uns dann noch schnell gegenseitig mit Schneebällen bedacht. Man will ja hinterher nicht von sich sagen, dass man so eine Gelegenheit bei einem so warmen Winter verstreichen ließe. Der weitere Weg verlief dann auch ohne großen technischen Anspruch auf einem schmalen Pfad um die Bergflanke herum. Die Stirnlampen hatten wir uns schon aufgesetzt, auch wenn das Restlicht des Tages noch ausreichte.
Als wir um eine Kurve bogen lag dann plötzlich ein Wasserfall vor uns. Das heißt, über eine Länge von knapp 4 Meter war unser Weg von einer dicken Eisschicht bedeckt.
Da standen wir nun und konnten nicht so ganz glauben was wir da sahen. Ich ärgerte mich, weil ich unsere Steigeisen im Auto gelassen hatte. Mit ihnen hätten wir einfach weiterspazieren können. Und ohne sie?
Schlagartig hatten sich die Bedingungen für unsere Tour geändert.

Sollten wir nun trotz der Dunkelheit wieder zurück auf den Berg steigen und eine andere Route wählen? Das währen noch mehrere Stunden Tour wobei die Bedingungen am Gipfel sich mit sinkenden Temperaturen nun auch geändert haben konnten. Ich sah eine Möglichkeit dieses Hindernis zu umsteigen und wir beschlossen weiter auf dieser Route abzusteigen, waren wir doch schließlich "schon fast unten". Den Wasserfall hatten wir dann auch nach einer Weile umstiegen. Also weiter. Die Stirnlampen waren mittlerweile das einzige Licht, das uns den Weg leuchtete. Zwar standen die Sterne hell am Himmel und lieferten uns eine einmalige Kulisse, aber nicht ausreichend um uns den Weg zu zeigen.
Noch mit unserem Erlebnis im Hinterkopf bogen wir um die nächste Ecke und erblickten einen weiteren überfrorenen Wasserfall vor uns. Das konnte nicht war sein. Als hätte sich grade alles gegen uns verschworen. Diesmal konnten wir diese Stelle nach einiger Zeit etwas oberhalb umsteigen. Kein leichter Akt, aber es gelang uns dann doch ganz gut. Wie gesagt, mit unseren Steigeisen wären diese Klettereinlagen vollkommen unnötig gewesen. Und hätten wir vor Beginn dieser Tour, oder zumindest vor dem Abstieg von diesen Hindernissen gewusst, hätten wir uns klar für eine andere Route entschieden. Kleine Entscheidungen die sich nicht mehr rückgängig machen ließen.

Was soll ich sagen im weiteren Abstieg warteten noch zwei weitere Eisfälle auf uns. Nicht wirklich einfacher wie die zwei zuvor. Aber wir blieben ruhig und konzentriert auch wenn die Gesamtsituation unsere Komfortgrenze doch spürbar strapazierte. Im Lichtkegel von 200 Lumen schafften wir es schlussendlich auch diese letzten Hindernisse zu überwinden. Die weiteren Details erzählen wir euch gerne mal bei einem passenden Getränk, abends am Lagerfeuer...

Mit dem letzten Wasserfall begann dann auch der eigentliche Steig. Durch die Kletterpassagen an den Wasserfällen sensibilisiert ließen wir uns im Folgendenden ausreichend Zeit. Keine Not uns auf den letzten Metern vom Abstieg noch die Haxen zu vertreten. Der ach so kurze Weg zog sich dann gefühlt eine Ewigkeit hin. Doch nach und nach drangen die Geräusche der nahen Straße zu uns. Und ein wenig später wurde der Weg schließlich flacher und durch den vor uns liegenden Waldrand konnten wir die Raureif bedeckten Wiesen vom Ettal sehen. Im Schein unserer Lampen glitzerte und funkelte alles wie in einem kitschigen Hollywoodstreifen. Erleichtert wieder unten zu sein genossen wir die letzten Meter durch diese Kulisse. Um Punkt 20:00Uhr erreichten wir dann doch deutlich früher wie gedacht wieder unser Auto. Wie das Zeitgefühl einen täuschen kann.

 

Diese Tour war anders verlaufen wie geplant. Und wir haben lange darüber nachgedacht, was wir hätten anders machen können oder was wir für Alternativen gehabt hätten. Natürlich gab es viele Faktoren und Entscheidungen, die uns schlussendlich in diese Situation geführt hatten. Und jede Entscheidung, wie etwa ein früherer Tourbeginn, das Mitführen unserer Steigeisen oder der Abstieg über eine bekannte Route hätten alles anders kommen lassen. Ein perfekter Dreiklang war diese Tour daher nicht gewesen. Und währe das ein Konzert hätten wohl auch einige Leute den Saal verlassen. Schlussendlich sind wir ein unfreiwilliges Abenteuer und einige Erfahrungen reicher wieder sicher unten angekommen.
Unnötig zu erwähnen, dass wir in den folgenden Tagen immer unsere Steigeisen mit im Gepäck hatten auch wenn sie nicht auf jeder Tour erforderlich waren. Manch ein gewichtsbewusster ULer mag jetzt vielleicht den Spruch "Don't pack your fears" auf der Zunge haben. Und zu einem gewissen Grad mag das auch stimmen. Aber wie heißt es andererseits so schön in einer Dienstvorschrift der Bundeswehr? "Im Winter ist mit Schnee zu rechnen." ;-)
Und welchen Einfluss selbst kleine Entscheidungen oder Veränderungen bei Touren im Gebirge haben können wurde uns nur zu gut bewusst. Nicht jeden
schiefen Ton kann man überspielen und genausowenig kann man auf alles vorbereitet sein und für jede Eventualität planen. Einen gewissen Toleranzbereich sollte man aber immer berücksichtigen und den entsprechenden Sicherheitspuffer parat haben.


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