Mittwoch, 27. September 2017

Warum ich nicht Jogge und warum Begrifflichkeit wichtig sind


Früher war ich öfters Joggen. Heute nicht mehr. Wenn ich heutzutage draußen unterwegs bin, dann laufe ich, unabhängig ob es nun 5, 10, 40 oder mehr km sind. Laufen ist nicht gleich Joggen. Und die Unterscheidung ist wichtig. Wenn man eine Fertiglasagne in den Ofen schiebt hat das genauso wenig was mit Kochen zu tun, wie Joggen mit Laufen. Ja, auch beim Fertiggericht hab ich hinterher was zu beißen und werde irgendwie satt. Und genauso habe ich mich beim Joggen irgendwie sportlich bewegt und Kalorien verbrannt. Aber fragt einmal einen gelernten Koch, was er von so einer Mahlzeit hält…



Wer auf ein Fertiggericht setzt, der überlässt einen Teil der Arbeit jemand anderem, der dafür auf moderne Technik und teils fragwürdige Inhaltsstoffe zurückgreift. Und das Ergebnis ist meist auch nur wenig überzeugend. Kein ernsthafter Koch würde so in seiner eigenen Küche kochen. Kurzfristig mag das mal ok sein, aber auf lange Sicht gibt es mit Sicherheit was Gesünderes und was besser schmeckt.

Beim Joggen ist das genauso. Man überlässt einen Teil der Arbeit jemand anderem, in dem Fall dem Schuh, bzw. dem Schuhhersteller. Das sind in dem Fall verschiedenste Dämpfungselemente, künstliche Stützen und andere Laufschutechniken. Die scheinen auf den ersten Blick ein brauchbares Ergebnis zu liefern, sind aber auf lange Sicht, ähnlich wie der ausschließliche Verzehr von Fertignahrung, kaum zu empfehlen.

Betrachtet man sich den Menschen aus evolutionsbiologischer Sicht, dann ist der menschliche Bewegungsapperat grundsätzlich auf drei Gangarten hin optimiert. Das sind Gehen, Laufen und Sprinten. Mehr nicht. Punkt. Unter Gehen fallen dann z.B. auch so Tätigkeiten, wie Spazieren, Wandern, etc. die sich von dem Bewegungsmuster an sich aber nicht unterscheiden.
Beim Gehen berühren wir bei jedem Schritt mindestens mit einem Fuß den Boden. Um uns Fortzubewegen rollen wir dafür den Fuß von der Ferse an beginnend nach vorne ab, bevor wir ihn anheben und vor uns wieder mit der Ferse auf den Boden bringen. 

Beim Laufen gibt es dagegen eine sogenannte Flugphase. Das heißt, das während der Laufbewegung zwischenzeitlich beide Füße in der Luft sind. Die Landung des Fußes erfolgt dabei abhängig von verschiedenen Faktoren im Mittelfuß oder Vorfußbereich. 
Damit gibt es zwei deutliche Unterscheidungsmerkmale zum Gehen. (Man hat irgendwann beide Füße in der Luft und man setzt mit dem vorderen Teil des Fußes auf.)

Beim Sprinten wird die Flugphase, wo beide Füße in der Luft sind, nochmal deutlich verlängert und die Landung des Fußes erfolgt nur noch ausschließlich auf dem Vorfuß. Man gibt quasi nur noch kleine explosionsartige Impulse mit dem Fuß an den Boden ab.

Und wo passt jetzt das Joggen da rein? Ehrlich gesagt nirgendwo! Und da liegt auch das Problem.
Beim Joggen gibt es zwar eine Flugphase (die je nach Intensität mal kürzer oder länger ausfallen kann) jedoch landet der Jogger nicht wie beim Laufen auf dem Vorderfuß, sondern auf der Ferse. Hier beginnen die Schwierigkeiten. Der gesamte Fußaufbau, vom Fußgewölbe über die Sehnen bis hin zu den Zehen funktioniert wie eine Federung und damit wie eine natürliche Dämpfung. Die besitzt unsere Ferse nicht! Wer das nicht glaubt, kann gerne mal auf eigenes Risiko mit nackten Füßen auf der Stelle hochspringen und versuchen ausschließlich auf der Ferse zu landen. Landet man beim Joggen auf der Ferse lässt man die natürliche Federung des Fußes somit ungenutzt. Im Unterschied zum Gehen, wo man ja auch zunächst mit der Ferse aufsetzt, ist aber die Belastung auf den Körper beim Joggen durch die Flugphase und die anschließende Landung deutlich höher.
Die Bewegung des Joggens ist nur (schmerzfrei) möglich durch moderne Joggingschuhe, die über eine entsprechende Dämpfung bzw. Polsterung in der Sohle verfügen. Aber genauso wie Fertiggerichte sind diese Dämpfungselemente nur ein schwacher Ersatz für das Original. In dem Fall für die ausgeklügelte Federung unserer Füße. Bisher konnte KEIN Schuhersteller trotz Millardenbudget in der Entwicklung und Forschung eine einzige wissenschaftliche Studie vorzeigen, in der das Verletzungsrisiko beim Joggen oder Laufen durch seine Schuhe sinkt. Ich möchte an dieser Stelle das Thema nicht in die Länge ziehen und auch kein Coaching zur perfekten Lauftechnik geben. Dafür dürft ihr gerne mal bei der Barefootacademy in Düsseldorf vorbeischauen oder mich auch gerne mal persönlich kontaktieren. Und ich möchte auch nicht, dass ihr umgehend eure Joggingschuhe in die Tonne schmeißt um in Zukunft nur noch barfuß zu laufen. (Auch wenn ich selber ein großer Freund davon bin.)

Ich möchte jedoch kurz darauf eingehen, warum die Unterscheidung von Joggen und Laufen auch im Sprachgebrauch wichtig ist. Ich höre oft folgenden Spruch:
„Ich brauch einen bequemen Schuh, denn ich laufe viel zu Fuß.“
Mal abgesehen von der Frage die mir bei so einer Aussage immer durch den Kopf schießt („Womit laufen Sie denn, wenn sie nicht zu Fuß sind?“) müsste ich durch den verwässerten Sprachgebrauch immer genau nachfragen, was denn in diesem Fall mit „Laufen“ gemeint sei. Gehen, Laufen oder Joggen?
Möchte dieser Mensch jetzt einen Schuh für den Alltag, einen Wanderschuh oder einen Laufschuh?
Wenn ein etwas kompliziertes Beratungsgespräch das einzige Problem währe, dann währe so eine sprachliche Ungenauigkeit nicht so schlimm und würde höchstens ein paar Verkäufer nerven. Wenn man aber diverse Artikel in Zeitungen und anderen Medien über den schönsten Sport der Welt (Hallo??? Hier ist selbstverständlich das Laufen gemeint!!!) liest, dann merkt man, dass eine kleine sprachliche Ungenauigkeit ein oft falsches Bild auf diesen Sport und unsere natürliche Art der Fortbewegung wirft. Da liest man was von „ungesund“, „kaputten Knien“, „Rückenbeschwerden“, „der Mensch sei dafür nicht gemacht“, etc. Und dennoch gibt es Läufer die verletzungsfrei und scheinbar spielerisch immer wieder lange Distanzen in erstaunlichen Zeiten zurücklegen. Da passt doch was nicht zusammen?
Genau! Und was hier nicht zusammen passt ist, dass viele Leute durch die Entwicklung des modernen „Laufschuhs“ vor nicht mal 40 Jahren (eigentlich müsste es „Joggingschuh“ heißen) und dem damit verbundenen, und zugegeben gelungenen Marketing, heutzutage Laufen mit Joggen verwechseln.
Der Mensch ist trotz technischer Hilfsmittel nicht dafür entwickelt dauerhaft längere Strecken zu joggen, ohne dadurch gesundheitliche Schäden zu riskieren. 

Durch diese Ungenauigkeit, die sich mittlerweile bei vielen im Sprachgebrauch eingebürgert hat wird Laufen häufig mit den negativen, gesundheitlichen Folgen des Joggens in Verbindung gebracht. Das macht auch vor wissenschaftlichen Studien nicht unbedingt halt! Und auch beim Arzt wird bei Beschwerden dann häufig empfohlen „weniger zu laufen“ obwohl der Patient vorher nur gejoggt ist und nie richtig gelaufen. 

Die Folgen:
-Weniger Leute laufen regelmäßig oder haben es vollkommen verlernt aus Angst vor den Risiken.
-Unsere natürliche Art der Fortbewegung wird als Extrem angesehen obwohl sie eigentlich jedem Menschen zugänglich währe.
-Man vertraut sich immer mehr technischen Spielereien an die uns immer mehr von ihrer künstlichen Unterstützung abhängig machen und uns damit in einen Teufelskreis befördern.

Ich könnte hier fortsetzen, aber ich denke für den Anfang reicht das.
Ja, ich bin früher gejoggt und hatte auch die üblichen Probleme eines „Läufers“. Spaß hat es auch nur bedingt gemacht.
Aber genau so, wie ich kochen gelernt und Fertiggerichte aus dem Kühlfach verbannt habe, habe ich auch das richtige Laufen wieder gelernt. Und seitdem gibt es für mich keine schönere Art der Fortbewegung. 


Wenn ihr euch jetzt beim Lesen ertappt habt und auch bisher nur gejoggt seid und/ oder mal ausprobieren wollt, wie das mit dem richtig Laufen so geht, dann meldet euch gerne bei mir. Ich freu mich immer über etwas Gesellschaft auf den Trails!



Anmerkung des Autors (29.09.17):
Mein Beitrag sollte damit nicht negativ sein und körperliche bzw. sportliche Bewegung irgendwie schlecht machen. Im Gegenteil. Mir ging es vielmehr darum, dass den Leuten bewusst wird, dass es eben nicht egal ist, wie man läuft, sondern dass es neben Kondition und Schnelligkeit auch auf eine gute Lauftechnik ankommt. In jedem Fitnessstudio wird man korrigiert damit man sich keine Verletzungen zuzieht. Radler arbeiten am runden Tritt und an ihrer aerodynamischen Haltung. Bevor man als Schwimmer überhaupt an längere Strecken denkt wird man noch in der Schule auf die richtige Technik getrimmt. Aber welcher Läufer kennt und betreibt denn heute noch ein Lauf-ABC? Selbst wenn man nicht im Geheimen den Wunsch hegt, die 2 Stunden Marke im Marathon zu knacken, schadet das Erlernen einer sauberen Lauftechnik nicht. Im Gegenteil! Man wird feststellen, dass man entspannter und verletzungsärmer unterwegs ist. Und wer doch irgendwelche Bestzeitambitionen hegt, kann durch eine effizientere Technik auch schneller und ausdauernder werden.

Ich habe in diesem Artikel bewusst auf eine längere, ausführliche Herleitung der verschiedenen Begriffe verzichtet. Ich beziehe mich hier wie gesagt nicht auf die heutige Verwendung des Begriffes "Joggen", der ja selbst in Läuferkreisen nicht eindeutig festgelegt ist (z.B. was bedeutet "gemütliches" oder langsames Laufen? Ab wann läuft man schnell?), sondern auf die wissenschaftlich eindeutig definierten Gangarten sowie den, auf die sportliche Aktivität bezogenen, sprachlichen Ursprung der 60/70 Jahre (Lydiard) der Anfang der 80er durch Bowermann und Nike Verbreitung gefunden hat. Dabei wird sowohl bei Lydiard wie Bowermann grundsätzlich Joggen als langsame/ aerobe Grundlage bzw. alternative Trainingsmethode für Läufer bezeichnet. Von daher stimmt natürlich auch die Aussage, dass Joggen quasi gemütliches Laufen ist. Jedoch haben beide Autoren auch die Technik des Joggens beschrieben! Diese unterscheidet sich deutlich von der des Laufens. Insbesondere wird hier das Abrollen über die Ferse, was angeblich die Belastung auf die Gelenke reduzieren soll, betont. Diese Belastungsreduktion auf die Ferse gilt mittlerweile allerdings als widerlegt und in diversen Studien konnte nachgewiesen werden, dass besagte Joggingtechnik sogar den Belastungsstoß erhöht.