Dienstag, 10. Oktober 2017

OMM Alps 2017


Es regnet bereits in Strömen, als ich den kleinen Kunststoffstift, der an einem Band an meinem Handgelenk baumelt in die Box stecke und diese das mit einem „Pieps“ kommentiert. Auch bei meinem Teampartner ertönt das Signal aus der Box, das Zeichen, dass die Zeit für uns angefangen hat zu laufen. Mit den Worten „Take care“ drückt man jedem von uns eine topographische Karte in die Hand. Kein „Viel Erfolg“ oder wenigstens „viel Spaß“, sondern ein „Passt auf Euch auf“. Und so hat der OMM Alps 2017 für uns begonnen.



Vom OMM, dem Original Mountain Marathon, habe ich das erste mal vor einigen Jahren gehört, als ich in Schottland unterwegs war. Seitdem habe ich dieses besondere Rennen im Auge behalten. Hierzulande ist er kaum bekannt, obwohl er bereits seit 1968 jährlich ausgetragen wird und zu einem der anspruchsvollsten Laufevents zählt. Der OMM wurde als besondere Herausforderung an Läufer und Alpinisten gleichermaßen geschaffen. Dafür verbindet er drei Elemente, die es jedes für sich schon in sich haben. Statt einer festen, ausgeschilderten Route erhält man lediglich wie beim Orientierungslauf eine Karte mit Koordinaten mit der man sich unter Zuhilfenahme eines Kompasses selber orientieren muss. GPS? Nicht erlaubt.
Wie beim Crosslauf liegen die Punkte, die man Anlaufen muss dabei nicht unbedingt auf dem nächstbesten Trail sondern befinden sich auch gerne mal auf einer Bergspitze oder auf der anderen Seite eines Flusses. Feste Wege? Fehlanzeige.
Zudem ist der OMM ein Etappenlauf ohne Verpflegungsstationen oder Checkpoints. Man muss für die gesamte Dauer des OMM autark unterwegs sein können. Das heisst nicht nur die Verpflegung für die zwei Tage mit sich führen, sondern auch das Übernachtungsgepäck wie Zelt, Schlafsack, Kocher und Wechselkleidung. Dropbags? Gibts nicht. Grammfuchser haben hier einen klaren Vorteil!

Und es währe kein Britisches Event, wenn nicht auch das Wetter eine vierte Herausvorderung liefern würde. In der Regel findet der OMM Ende Oktober statt, wenn auf der Insel die Berge im Nebel verschwinden und die Teilnehmer sich gegen Wind und Regen wappnen müssen. Dieses Jahr feiert der OMM sein Jubiläum und in den 50 Jahren die es ihn schon gibt, hat es kein Rennen ohne Regen gegeben!

Als ich dann Anfang des Jahres erfuhr, dass zum 50sten Jubiläum nicht nur ein großes Event auf der Heimatinsel dieses Laufs geplant war, sondern auch das erste mal in seiner Geschichte ein Rennen in den Alpen stattfinden würde, stand für mich fest: Da bin ich dabei! Und das es für mich quasi ein Geburtstagslauf werden würde war ein schöner Bonus.
Meinen Laufpartner davon zu überzeugen bei so einer verrückten Veranstaltung mitzumachen war dann verständlicherweise etwas schwieriger. Aber der OMM ist ein Teamevent, schon allein aus Sicherheitsgründen, weil es wie gesagt keine Streckenposten gibt. Und wie schon Yoda festgestellt hat:
„Immer zu zweit sie sind. Keiner mehr, keiner weniger.“

Und so standen wir nun irgendwo in Tirol im Regen an einer Startlinie mit zwei Karten in der Hand und versuchten schnellstmöglich eine sinnvolle Route zu erarbeiten.


In Hinblick auf den Wetterbericht und unseren aktuellen Trainingsstand (Wir waren beide erst kurz vorher aus dem Urlaub zurückgekommen und da stand Laufen nicht auf Platz 1 der Tagesordnung) versuchten wir auf Nummer sicher zu gehen und wählten eine Strecke, die zwar die größten Anstiege auslassen würde bei denen wir ein paar Punkte mehr sammeln könnten. Dafür könnten wir schneller unterwegs sein, Energie für den zweiten Tag sparen und eventuell einen Zeitvorteil herauslaufen. Und so spurteten wir eingepackt in kompletter Regenmontur den Berg hoch und suchten uns schon wenig später einen Pfad durchs Unterholz. Es dauerte nicht lange und wir fanden den ersten Marker, checkten mit unseren Transpondern an der kleinen Box ein und liefen weiter. Anfangs trafen wir unterwegs noch andere Teams. Da die Routenwahl aber frei war löste sich das Feld schnell auf und wir waren die nächsten Stunden alleine unterwegs. Wir kamen gut voran und auch die Marker waren gut zu finden. Teils griffen wir auf flotte Wege zurück, teils ging es querfeldein durch dichten Wald, steil die Berge hoch.






Das Etappenziel mit dem gemeinsamen Übernachtungsplatz aller Teams erreichten wir als eines der ersten Teams. Wir spielten wie gesagt lieber auf Nummer sicher und gaben uns mit weniger Punkten zufrieden, als eine Zeitstrafe zu riskieren oder unser geringes Trainingspensum schon am ersten Tag auszureizen.


Es dauerte nicht lange und das mittlerweile mehr als bewährte ShangriLa stand und der Esbitkocher heizte dem Wasser ein. Leider hatte der Topf, eine umfunktionierte Foster-Bierdose, durch den etwas unsanften Lauf im Gelände etwas Schaden genommen. Ein Adventure-Race ist halt keine entspannte Ultraleichtwanderung. Die Löcher wurden kurzerhand mit Griptape aus dem Verbandmaterial geflickt, was dem Geschmack des heißen Kakaos keinen Abbruch tat. Mit warmem  Bauch wurde dann erstmal ein Nickerchen gehalten, nachdem wir vorher noch rasch in unsere trockenen Reserveklamotten geschlüpft waren. Abends tauschten wir uns dann mit den anderen Teams aus. Gefühlt 2/3 der Teilnehmer war extra aus Großbritannien angereist, während auch ein paar erfahrene Orientierungsläufer aus Dänemark und Polen unter den Teilnehmern waren. Deutsche und Österreicher waren kaum vertreten. Die erfahrenen Teilnehmer erkannte man an den Plastiktüten die Sie sich zum Schutz ihrer trockenen Socken im Camp über ihre Füße gezogen hatten. Solche Tricks wurden schnell von allen anderen übernommen was dann am Ende des Tages für ein interessantes Bild der Teilnehmer sorge. Als das letzte Team eintraf versammelten sich alle noch kurz zu einem Briefing bevor es zur Nachtruhe ging.

Die erste Hälfte der Nacht verlief zunächst etwas schlaflos. Mein Teampartner musste zunächst im Schein unserer Stirnlampen eine nächtliche Fuß-OP durchführen um den Druck von einer Blutblase zu nehmen, die sich irgendwie unter seinen Fußnagel verirrt hatte und ihn durch ihr Pochen vom Schlafen abhielt. Dann kollabierte mein Daunenquilt aufgrund der enorm hohen Luftfeuchtigkeit komplett, so dass ich mich in die Rettungsdecke einrollte um eine halbwegs warme Nacht zu verbringen. Irgendwie waren wir aber dann doch recht schnell und tief eingeschlafen.

Am Morgen wurden wir durch die Melodie eines Trompetenspielers geweckt. Nach einem Kaffee vom notdürftig reparierten Esbitkocher und einem Frühstück in Form von Porridge aus dem Beutel, packten wir unsere Sachen und bereiteten uns auf den zweiten Tag des Rennens vor.


Am Start das übliche Prozedere. Transponder in die Box stecken, „Piep“, Karte entgegennehmen und los.


Der Weg zum ersten Checkpoint war deutlich trailiger und führte bereits stetig aufwärts. In der Nähe einer Almhütte, auf offenem Feld wurden wir dann aber schnell fündig, während über uns eine Drohne kreiste um den ersten OMM Alps auch mit Bildern zu dokumentieren. Den nächsten Checkpoint dachten wir schon sicher zu haben. Von einer Weggabelung peilten wir mit dem Kompass seine Koordinaten an und machten uns auf ins Unterholz. 

Nix. Einige andere Teams irrten ebenso erfolglos umher auf der Suche nach der Fahne mit der kleinen Box. Irgendwann beschlossen wir die Suche aufgrund der drängenden Zeit aufzugeben. Auf dem Rückweg stolperten wir dann jedoch wie durch Zufall über eben genau den vermissten Checkpoint. Erst nach dem Rennen, wieder zuhause in der warmen Stube, konnte ich mir unseren Fehler erklären. Wir (und offensichtlich auch die anderen Teams) hatten schlicht die Missweisung zwischen magnetischem Nordpol und Kartennord nicht berücksichtigt. Normalerweise in unseren Breitengraden kein großes Problem. In dem dichten Wald hat das aber dazu geführt, dass wir alle gut 20 Meter neben der richtigen Stelle gesucht hatten.

Die weiteren Checkpoints sammelten sich im Vergleich dazu dann mehr oder weniger im „Vorbeilaufen“ ein. Zumindest was die Orientierung anging. Etwas kraxeln mussten wir dann schon noch. Wir waren recht flott unterwegs und begegneten an diesem Tag auch öfters mal dem ein oder anderen Team, die nun alle eher auf schnelle Strecken als auf hohe Punkte setzten.


Zum Abschluss unserer Route wählten wir einen Checkpoint auf einer bewaldeten Bergkuppe. Zeitgleich trafen wir dort mit einem anderen Team ein und mussten leider feststellen, dass irgend jemand die elektronische Box zerstört hatte. Es fanden sich nur noch einzelne Bruchstücke und das Stahlseil, mit dem diese ursprünglich am Baum gesichert war. 

Später stellte sich heraus, dass offensichtlich jemand hier gezielt Vandalismus betrieb, da auch noch andere Checkpoints im nahen Umfeld mutwillig zerstört worden waren. Das war nun schon das zweite mal in diesem Jahr, dass ich an einer Veranstaltung teilgenommen hatte, bei der es jemand offenbar ok fand, das Event maßgeblich zu sabotieren und den Teilnehmern damit auch unnötig die Orientierung im Gelände zu erschweren. Mal ganz von der offensichtlichen Sachbeschädigung abgesehen ist sowas für mich in keinster Weise nachvollziehbar, da solche Personen die Gefährdung der Teilnehmer offenbar gleichgültig in Kauf nehmen. (Bei der anderen Veranstaltung mussten mehrere Teilnehmer aufgrund eines solchen „Scherzes“ frühzeitig das Rennen beenden)

Das andere Team machte sich nun in Richtung eines Pfades auf, der sie im Bogen von dem Berg runter führen sollte. Wir hatten einen anderen Plan. Auf der Karte war ein Lift eingezeichnet und in unmittelbarer Nähe daneben eine Waldschneise die in direkter Linie zum Ziel lag. Das konnte nur eins bedeuten: Skiabfahrt!

Nach ein paar Metern durch das Unterholz erblickten wir auch schon den obersten Pfeiler des Skiliftes und wenig später stürzten wir uns in einen der geilsten Downhills der mir bis jetzt unter die Füße gekommen war.
Mit einem ordentlichen Zeitpuffer im Gepäck steuerten wir das Ziel an wo wir mit Kuhglockengeläut vom Raceteam empfangen wurden.



Endlich Zeit die Reserven wieder aufzufüllen. Und nachdem wir uns in trockene Klamotten gepackt hatten, unsere Laufsachen geruchsicher gaaaanz weit unten in den Taschen verstaut hatten, warteten wir bei heißer Suppe auf die anderen Teams und die obligatorische Siegerehrung.


Ja, und dann wurden wir noch überrascht, als sich zeigte, dass man weder das schnellste noch das Team mit den meisten Punkten sein muss um auf dem Treppchen zu landen, solange die Gesamtstrategie aufgeht und man als Team ins Ziel läuft.


Vielen Dank an die Veranstalter des OMM die hier wirklich etwas Großartiges auf die Beine gestellt haben. Danke auch an die freiwilligen Helfer aus Steinberg die uns so gut bewirtet haben und vielen Dank an die zuständigen Stellen die einen solchen Geländelauf überhaupt genemigt haben. Vielen Dank für das mehr als faire Miteinander unter den Teams. Und nicht zu letzt: Danke, Björn, dass Du so 'nen Quatsch mitgemacht hast! Nächstes Jahr laufen die den A-Course! ;-)

OMM Alps 2018? Behalte ich mal im Auge... ;-)


Anmerkung:
Alle Kosten des OMM Alps 2017 habe ich selber getragen und ich bin in keinster Weise geschäftlich mit den Veranstaltern verbunden. Die Bilder die ich hier in diesem Beitrag verwendet habe wurden zum Teil von den Veranstaltern des OMM den Teilnehmern zur freien Verfügung und Nutzung bereitgestellt. Das Urheberrecht bleibt davon unberührt.